Die Übersetzer
Welche Ausbildung, welches Studium ist eigentlich noch zukunftsfähig? Gibt es Anwälte in zehn Jahren überhaupt noch? Eines ist klar — die Berufswelt verändert sich. Und Künstliche Intelligenz ist wohl die erste „Revolution“, die auch den sogenannten White-Collar-Arbeitern Schwierigkeiten bereiten könnte — anders als etwa die industrielle. Damit stellt sich die Frage, was KI wirklich übernehmen kann, ob sie uns die Arbeit wegnimmt und welche neuen Möglichkeiten dabei entstehen.
Wer genau hinschaut, entdeckt am Arbeitsmarkt eine Bewegung. Es entstehen neue Arten von Berufen. Aus reinen Designern werden Design-Engineers — Designer, die gestalten und zugleich Software mitentwickeln. Neben den Anwalt tritt der Legal Engineer: der Jurist, der „programmieren kann“, was auch immer das genau heißt — dazu später mehr. Das sind Menschen, die die Sprache beider Seiten sprechen. Designer, die wissen, wie Entwickler arbeiten, und in deren Aufgabenbereich vordringen. Juristen, die verstehen, wie Software funktioniert, und sie deshalb nicht nur effizienter nutzen, sondern in diesen Bereichen besser beraten können.
Einer von ihnen ist Daniel Kleiboldt. Diplom-Jurist mit LL.M., danach eine Weiterbildung zum Softwareentwickler, heute berät er an einer Stelle, die es vor wenigen Jahren nicht gab: zwischen Ärzten und der künstlichen Intelligenz, die in ihre Praxen einzieht. Von Gütersloh aus begleitet er Praxen, Versorgungszentren und Kliniken dabei, KI rechtssicher einzusetzen — irgendwo zwischen europäischem KI-Recht, Medizinprodukterecht und Transformationsberatung. Oder wie es immer öfter genannt wird: Legal Engineer.
Ein Gutachten ist ein Programm
Wenn man genau überlegt, sind Anwälte und Softwareentwickler vielleicht gar nicht so verschieden. Diese These ist gemeinsam mit Daniel in unserem Gespräch entstanden. Wir haben über den Beruf des Legal Engineers gesprochen, und irgendwann fiel uns auf: Eigentlich liegen die beiden Felder nah beieinander. Beide sind, im Kern, deterministische Denkweisen.
„Der Jurist fürchtet an der Maschine das Fremde — dabei ist es seine eigene Denkform in anderer Sprache“
Daniel bringt es auf den Punkt, wenn er über sein Studium spricht: „Was ich aus dem Studium mitgenommen habe — auch wenn vom materiellen Recht kaum etwas relevant ist —, ist die Art zu denken. Dieses sehr Deterministische: wenn A, dann B. Das bringst du als Jurist mit.“ Das Materielle verblasst; die Denkweise bleibt. Und genau darin, glaube ich, liegt das Eigentliche eines Studiums — nicht im Stoff, sondern in der Art, an ein Problem heranzugehen.
In der Informatik erzählt man etwas verblüffend Ähnliches. Am Ende ist es nicht die Automatentheorie, die den Beruf ausmacht, sondern die Art, Probleme zu lösen: ein großes, unübersichtliches Problem in kleine Teile zu zerlegen, von denen jeder im Idealfall genau eine Sache erledigt, und sich Stück für Stück der Lösung zu nähern.
Der Gutachtenstil ist davon nicht weit entfernt. Die Frage: Hat A gegen B einen Anspruch auf Zahlung? Damit A diesen Anspruch hat, muss ein wirksamer Kaufvertrag zustande gekommen sein. Damit ein Kaufvertrag zustande kommt, braucht es zwei übereinstimmende Willenserklärungen. Wenn, dann. Dieselbe Herangehensweise an ein völlig anderes Problem.
Diese These vertritt auch Stephan Breidenbach in dieser Ausgabe auf den Seiten 161 ff.. Mit seiner Rulemapping-Methode bildet er Recht als Struktur ab. Er sei sich damals bewusst gewesen, dass das Recht sehr große deterministische Teile hat. Laut ihm ist der Großteil determiniert. Dazu mehr im ATRIUM. Was sich bei Daniel und mir im Gespräch herauskristallisiert hat, ist eine ähnliche Richtung. Das Recht als Determinismus, zum Prüfen, zum Befolgen.
Natürlich hat das Recht seinen Graubereich. Zwei Juristen, drei Meinungen. Es gibt Entscheidungen von Gerichten, die aus dem Schema fallen, Wertungsspielräume, in denen keine saubere Deduktion mehr trägt. Bei Code tritt etwas Ähnliches in Form von Fehlern oder Bugs auf; nicht jede erste Lösung ist perfekt. Das Grau ändert nichts an dem eigentlichen Prinzip.
„Der Jurist fürchtet an der Maschine das Fremde – dabei ist es seine eigene Denkform in anderer Sprache“
Daraus folgt etwas, das dem Juristen den Einstieg in die Technik eigentlich leichter machen sollte als vielen anderen. Anwälte sind eigentlich prädestinierte Prompter, denn eine KI zu bedienen verlangt genau diese Struktur: präzise zu schildern, welche Schritte in welcher Reihenfolge ablaufen müssen, damit am Ende ein brauchbares Ergebnis herauskommt. Was heute vielerorts noch fehlt, ist viel eher die Vertrautheit damit, wie die Maschine arbeitet. Und die ist eine Frage der Übung: Sobald sie da ist, können Juristen der KI genau das mitgeben, was sie ohnehin denken.
Was ein Legal Engineer ist – und was nicht
Eine Definition des Legal Engineers ist gar nicht so leicht. Daniel beschreibt sich als Übersetzer, der das Lost-in-Translation-Problem löst — als jemand, der dem Entwickler konkret sagen kann, was er tun muss, damit eine Software eine rechtliche Anforderung erfüllt. Aus Paragraphen und Normen wird eine klare technische Anweisung. Das Recht sagt, was gelten soll. Der Legal Engineer sagt, wie man es baut.
Über die Grenze des Berufs wird gestritten. Daniel erzählt von Legal Engineers, die meinen, wer nicht wirklich hart programmiere, dürfe sich gar nicht so nennen — der sei dann vielleicht ein „Legal Architect“. Für Daniel, und ich sehe das genauso, geht es um etwas anderes: um das Verständnis von Software im Allgemeinen, nicht um die Zahl der Zeilen, die man selbst schreibt. Der Beruf ist ein Kontinuum. Am einen Ende viel Jura und wenig Code, am anderen viel Code und wenig Jura. „Jeder, der beide Seiten verinnerlicht hat, kann sich Legal Engineer nennen.“ Daniel selbst schreibt im Alltag gar keinen Code; er liest und versteht ihn. Was er kann, ist wichtiger: „Ich kann dem Entwickler in seiner Sprache erklären, was genau er tun soll — und dadurch lösen wir Probleme, die ich sehe, er aber nicht, weil er kein Jurist ist.“
Worin wir uns einig waren: In diesem Beruf geht es ums Übersetzen. Aus einem juristischen Problem ein technisches machen zu können. Und damit steht Daniel nicht allein da. An anderer Stelle dieses Hefts sagt Peter Jeitschko, der KI in Organisationen einführt: „Die Ära der Spezialisten ist vorbei — Softwareentwicklung, Webentwicklung, Anwälte, Steuerberater, Marketing, Content.“ Was der Mensch dagegen könne, sei „der holistische Blick: Themen verbinden, vernetzen, kritisch denken.“ Der Übersetzer ist genau die Figur, die aus dieser Diagnose folgt.
Gegen die Bedingung, dass ein Legal Engineer unbedingt programmieren muss, spricht, dass es in der Tech-Branche einen ähnlichen Shift gibt. Aus Programmierern werden Architekten, die kaum noch selbst Code schreiben, sondern das System darum herum planen. Sogar Jensen Huang, der Chef von Nvidia, rät inzwischen davon ab, Programmieren überhaupt noch zu lernen — die KI übernehme das, man solle sich auf die Fachdomäne konzentrieren.
Selbst wenn ich das etwas anders sehe, stimmt die Richtung: In Zukunft kann und wird KI das Ausformulieren übernehmen. Was bleibt, ist die Fähigkeit, ein Problem so zu durchdenken, dass es sich lösen lässt.

Die Umkehr: Empathie – und was der Anwalt eigentlich tut
An dieser Stelle dreht sich die Frage. In der Medizin, erzählt Daniel, kommt gegen die KI gern ein Argument: die Empathie. Viele Stimmen der Branche sagen, eine Maschine könne Empathie nicht rüberbringen und sei deshalb im Kern unnütz. „Oft heißt es: Habt keine Angst, Empathie und menschlicher Kontakt, das kann die KI nie. Und das ist doch Unsinn.“
Sein Gegenargument fasst einen Denkfehler zusammen, den man quer durch alle Branchen beobachten kann: „Ein Arztkontakt in Deutschland dauert im Schnitt knapp sechs Minuten. Kann ich in sechs Minuten viel Empathie rüberbringen, wenn ich die ganze Zeit mit Blick zur Seite nur runtertippe?“
Die KI nimmt uns die Empathie nicht. Sie ist die Chance, dass wir uns wieder auf sie konzentrieren können. Wenn eine KI mithört, den Arztbrief automatisch schreibt, das Gespräch zusammenfasst und vorbereitet, hat der Arzt endlich die Zeit, den Patienten anzusehen. Genau weil die Maschine ihm die Arbeit abnimmt. Künstliche Intelligenz gibt uns die Möglichkeit, Empathie, Menschlichkeit und Beratung wieder zu priorisieren.
Dasselbe lässt sich ins Juristische übersetzen. „Wird die KI uns Anwälte in der Beratung ersetzen?“ ist die völlig falsche Frage. Die KI erleichtert die Beratung. Ein Anwalt, der den ganzen Tag am Computer Schriftsätze aufsetzt, berät nicht. Beratung ist das Gespräch mit dem Mandanten, das Herausarbeiten von Zielen, das Entwickeln von Strategien. Volker Römermann bringt es im Kreuzgarten dieses Hefts auf den härtesten Nenner: „Niemand sucht das Recht. Das Recht ist kein Selbstzweck, es ist ein Instrument, um irgendwo hinzukommen.“ Der Mandant will kein Recht. Er will ein Haus bauen. Der Anwalt ist für das Ziel da, nicht für das Handwerk, das dorthin führt.
Genau das verfolgen wir mit Sovereign AI: Anwälten diese Möglichkeit zurückzugeben. Unsere KI für Kanzleien durchsucht und bearbeitet die gesamte Akte und nimmt den Anwälten das Abarbeiten ab, damit am Ende des Tages die eigentliche Arbeit übrig bleibt.
Jeitschko führt diesen Gedanken in seinem Interview weiter (S. 180 ff.). Auf seiner Website steht: „Weniger Administration. Mehr Mensch.“ Ob sich Produkte wie seine nun über den menschlichen Aspekt oder über den erhofften Effizienzgewinn verkaufen, ist ein anderes Thema. Trotzdem bleibt die These stehen. Die Profession verschwindet nicht durch KI, sondern wird auf das zurückgeführt, was sie immer war und sein sollte.
Wenn der Mensch so zu sich zurückgegeben wird — wer bleibt dann übrig, wenn die Maschine alles Handwerkliche kann? Eine Figur. Der Übersetzer.
Der Beruf, der bleibt
Und den gibt es nicht nur im Recht. Der Design-Engineer, der entwirft und entwickelt. Irgendwann, da bin ich mir sicher, ein Arztingenieur, den es heute noch nicht gibt. Überall dort, wo zwei Welten sich berühren und einander nicht verstehen, entsteht der, der beide spricht. Lost in Translation ist eine der Fragen der Digitalisierung. Und die Übersetzer sind die Antwort darauf.
Diesen Beruf trägt eine Einstellung: die Bereitschaft, sich einzulassen. Wer diesen Schritt geht — ob Jurist, Arzt oder Entwickler —, verliert nichts von dem, was ihn ausmacht. Er lernt eine zweite Sprache dazu. Und darin liegt, glaube ich, die eigentliche Chance dieser Zeit.
„Nicht die Maschine entscheidet, wer bleibt – sondern die Bereitschaft, sie als das Eigene wiederzuerkennen.“