Armin Nassehi und die Frage nach den verschwundenen Orten
Über Dorf, Stadt und Kloster – und die offene Frage, wo heute Räume entstehen, die mehr sind als bloße Funktionen.
Am 1. Juli 2017 saß ich im vollbesetzten Theater am Neubrückentor in Münster. Die vom Bund Deutscher Architekten (BDA) veranstaltete Tagung stand unter dem Motto „Die Stadt, die ich brauche – die Stadt, die ich liebe“. Armin Nassehi sprach über „Stadt erfahren“ – über die Formen, wie Menschen Raum erleben, wie sie Gemeinschaft bilden.
Und dann fiel ein Satz, der etwas formulierte, das ich lange gesucht hatte: „Es gibt drei Lebensformen: das Dorf, die Stadt, das Kloster.“
Nassehis Vortrag traf auf eine lange Vorgeschichte – Studium u.a. bei Prof. Dr. Arnold Angenendt. Eine andere Erzählung – aber sie erklärt, warum dieser Satz mich nicht mehr losließ.
Drei Lebensformen
Was meint Nassehi? Er beschreibt keine Wohnformen, sondern drei Grundtypen des Zusammenlebens.
Das Dorf ist die überschaubare, geschlossene Gemeinschaft. Man kennt sich. Man kontrolliert sich. Die Zugehörigkeit ist nicht gewählt, sondern gegeben – durch Geburt, Nachbarschaft, Herkommen. Das Dorf funktioniert durch Nähe – und zahlt dafür einen Preis: Enge, Konformität, soziale Kontrolle. Die Stadt ist das Gegenteil. Sie lebt von der Gleichzeitigkeit des Verschiedenen – unterschiedliche Milieus, Funktionen, Lebensentwürfe nebeneinander, oft ohne Berührung. Die Stadt ist produktiv, weil sie Reibung erzeugt. Aber sie erzeugt auch Anonymität, Überforderung, das Gefühl, nirgends wirklich dazuzugehören. Und dann das Kloster. Weder Dorf noch Stadt. Eine Gemeinschaft, die sich bewusst konstituiert – nicht durch Herkunft, sondern durch Entscheidung. Mit geteilten Werten, mit Regeln, mit einer Ordnung des Tages und des Raums. Das Kloster setzt auf Zugehörigkeit, die man wählt, nicht die man erbt. Und es setzt auf Verdichtung: weniger Ablenkung, mehr Tiefe. Bestechend ist ihre Aktualität. Nassehi spricht nicht nostalgisch über mittelalterliche Konvente. Er stellt eine Frage, die in die Gegenwart zielt: Wenn die alten Institutionen – Kirchen, Vereine, Parteien – an Bindungskraft verlieren, was tritt an ihre Stelle? Und können die neuen Orte leisten, was die alten geleistet haben?
Was verloren geht
Nassehi versteht Säkularisierung nicht als simplen Verlust von Religion. Er versteht sie als Transformation von Funktionen. Religiöse Institutionen haben über Jahrhunderte bestimmte gesellschaftliche Aufgaben erfüllt: Sie stifteten Sinn, brachten Menschen in Gemeinschaft, formulierten Normen des Zusammenlebens und halfen, mit Ungewissheit umzugehen. Diese Funktionen sind nicht verschwunden, sondern verlagert – Therapie statt Beichte, Achtsamkeit statt Gebet, Netzwerke statt Kirchengemeinden.
Das Problem liegt nicht im Wandel selbst, sondern in einem Defizit: Moderne Gesellschaften organisieren sich durch funktionale Differenzierung. Jede Institution erfüllt nur noch ihre Funktion – Anwälte Recht, Fitnessstudios Körper, Therapeuten Psyche. Das ist effizient – aber es fehlt, was Klöster, Kirchen und Vereine leisteten: ein Ort, an dem das Ganze sichtbar wird. An dem nicht nur Funktionen erfüllt, sondern Zusammenhänge hergestellt werden.
Wer einen Anwalt aufsucht, bekommt eine Rechtsdienstleistung. Wer ins Fitnessstudio geht, bekommt körperliche Ertüchtigung. Wer eine Therapie beginnt, bekommt psychologische Unterstützung. Aber niemand bietet mehr das, was eine Dorfkirche oder ein Kloster einmal boten: einen Raum, in dem Wissen, Gemeinschaft, Haltung und Stille zusammenkommen.
Nassehi formuliert das nüchtern, nicht nostalgisch. Er sagt nicht: Wir müssen zurück zur Kirche. Er sagt: Die Frage, wo Menschen heute Orte finden, die mehr sind als funktionale Dienstleistungszonen, ist offen. Politisch brisant wird es dort, wo Resonanzräume fehlen – denn dort wächst die Anfälligkeit für Vereinfachung und Polarisierung.
Was ich in 25 Jahren Praxis beobachtet habe
Als ich Nassehis Vortrag 2017 hörte, hatte ich bereits fast zwanzig Jahre als Bauanwalt gearbeitet. Und ich hatte beobachtet, was er beschreibt – nicht in der Theorie, sondern im Alltag einer Kanzlei.
Ich erinnere mich an eine Geschäftsführerin, die mich wegen einer Kommunalaufsichtsbeschwerde aufsuchte. Nachdem ich ihr das Verfahren erklärt hatte – Grundlage, Erfolgsaussichten, Bedeutung als Instrument der Machtkontrolle –, sagte sie freundlich, aber selbstverständlich: „Ach so. Das machen Sie also, um Geld zu verdienen.“ Die Bemerkung war nicht böse gemeint. Aber sie offenbarte ein Rechtsverständnis, in dem Recht nur noch Dienstleistung ist und der Anwalt Geschäftsmann. Was fehlte, war die Vorstellung, dass eine Beschwerde der Kontrolle von Verwaltungsmacht dient – und dass ein Anwalt, wie es das Gesetz formuliert, ein Organ der Rechtspflege ist, nicht nur ein Auftragnehmer.
Ein anderes Mal besuchte ein Architekt den Sovereign Store. Wir sprachen über das Konzept: über die kostenlos zugängliche Rechts-KI, über die Idee, Wissen nicht hinter Bezahlschranken zu verstecken. Er hörte nachdenklich zu. Dann sagte er: „Ich habe jetzt verstanden: Sie sind ein Menschenfreund.“ Es klang wie eine Erleichterung – als hätte er ein verborgenes Geschäftsmodell vermutet. Die Annahme, dass jemand etwas tun könnte, weil er an eine Sache glaubt und nicht nur, weil er daran verdient, war ihm offenbar fremd geworden.
Nassehi würde sagen: Das sind keine individuellen Fehlhaltungen. Das ist die Logik der funktionalen Differenzierung. In einer Gesellschaft, in der jede Institution nur noch ihre Funktion erfüllt, wird Misstrauen zur Grundhaltung gegenüber allem, was über das rein Funktionale hinausweist.
Die Frage nach den Ersatzorten
Nassehis Analysen sind diagnostisch, nicht programmatisch. Er predigt nicht. Er zeigt, was fehlt, und überlässt die Antwort denen, die bereit sind, sie zu versuchen.
Was fehlt, sind Orte, an denen Menschen innehalten können – nicht, weil sie dafür bezahlen, sondern weil der Ort es erlaubt. Orte, an denen Gemeinschaft entsteht, ohne sofortige ideologische Zuordnung. Orte, an denen große Fragen gestellt werden dürfen – nach dem Richtigen, nach Verantwortung, nach dem, was über den Moment hinausreicht –, ohne dass sofort eine Antwort geliefert wird.
Solche Orte entstehen nicht von selbst. Sie müssen geschaffen, gepflegt, verteidigt werden. Sie brauchen einen physischen Raum – anders als digitale Communities, die flüchtig bleiben. Nassehis dritte Lebensform, das Kloster, war immer raumgebunden: Stabilitas loci – die Bindung an einen Ort.
Als ich 2017 aus dem Theater in Münster kam, ahnte ich noch nicht, dass ich selbst einmal einen solchen Ort schaffen würde. Nicht aus Nostalgie. Nicht, weil ich zurück ins Mittelalter will. Sondern weil ich nach Jahrzehnten der Berufspraxis gesehen habe, was fehlt. Es fehlt nicht an Gesetzen, nicht an Anwälten, nicht an Informationen. Es fehlt an Resonanz.
Der Sovereign Store am Roggenmarkt 1 ist der Versuch, einen solchen Ort zu bauen – mitten in der Stadt, die einst von Klöstern geprägt war. Er ist kein Kloster im religiösen Sinne. Er ist kein Gottesdienstraum und keine politische Bewegung. Aber er knüpft bewusst an klösterliche Strukturen an: Atrium, Scriptorium, Refugium, Kreuzgang, Remise – nicht als historisches Zitat, sondern als Antwort auf die Frage, wie Wissen, Gemeinschaft, Stille und Schönheit an einem Ort zusammenkommen.
Ob es gelingt, ist offen. Nassehi, den ich 2025 eingeladen hatte, zur Eröffnung des Stores einen Vortrag zu halten, würde vermutlich sagen: „Das ist ein Experiment.“ Und er hätte recht. Die Frage nach den verschwundenen Orten ist nicht abschließend beantwortet. Sie muss immer wieder neu gestellt werden – und sie kann nur durch konkrete Projekte beantwortet werden, nicht durch Theorie allein.
Zu Nassehis Überlegungen zu Dorf, Stadt und Kloster: Armin Nassehi, Wie können Städte urban bleiben? FWS 3/2015: https://www.vhw.de/fileadmin/user_upload/08_publikationen/verbandszeitschrift/FWS/2015/3_2015/FWS_3_15_Nessahi.pdf. Dort entwickelt Nassehi systematisch, was er in jenem Vortrag 2017 in verdichteter Form präsentiert hat.