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Die „verstockten“ Weiber

Die „verstockten“ Weiber
Innenseite der Westfassade des St.-Paulus-Doms in Münster: Dort, wo die klösterliche Landkarte der Stadt ihren Ursprung hat, beten die Domklarissen bis heute täglich die Vesper. (Foto: Maxime P. Lindenbaum)

Was bedeutet Klausur wirklich – und warum haben sich Frauen so vehement dagegen gewehrt? Ein Gespräch mit der Kirchenhistorikerin Prof. Dr. Gisela Muschiol.


Das Gespräch findet am selben Tag statt wie der Besuch bei den Klarissen am Domplatz – und die Klausur hallt noch nach. Kaum vorstellbar für eine junge Frau in einer pulsierenden Stadt wie Münster: Direkt hinter unserem Büro leben Frauen, die diesen Radius kaum verlassen. Die zur Apotheke gehen dürfen, zum Arzt. Nicht einkaufen. An Markttagen kommen die Menschen zu ihnen – mit Spenden, weil die Welt zu ihnen kommen muss, nicht umgekehrt. Diese Stärke, die darin liegt, hat mich mitgerissen.
Prof. Dr. Gisela Muschiol, Kirchenhistorikerin und Spezialistin für mittelalterliche Frauenklöster, sitzt mir gegenüber und nickt. „Klausur“, sagt sie, „ist ein Begriff, den man immer wieder erklären muss.“ Muschiol hat ihre Habilitationsschrift über Klausur geschrieben. Das Gespräch, das folgt, ist nicht nur eine wissenschaftliche Einführung in die Welt der Klöster und der Klausur, sondern auch eine Korrektur.

Was Klausur wirklich bedeutet

Viele denken bei Klausur zunächst an das, was innerhalb eines Klosters gilt: die Zellen der Schwestern, die Räume, zu denen nur sie Zutritt haben. Muschiol erweitert den Begriff. Innerhalb eines Klosters, das sei eher Privatraum, geschützter Raum – der eigentliche Sinn des Begriffs. Klausur meint den Abschluss nach außen, und zwar in zwei Richtungen.

„Passive Klausur bedeutet: Es darf niemand ins 
Kloster rein, insbesondere keine Männer. Aktive Klausur bedeutet: Niemand darf raus. Und das betrifft 
insbesondere die Frauen.“

Dazu kamen im Mittelalter noch weitere Varianten: Klausur der Augen, Klausur des Mundes – die Schwestern durften nur zu einer festgelegten Stunde am Tag sprechen. Das Konzept ist umfassend. Und doch, betont Muschiol, war Klausur keine Erfindung des Klosters. Im Mittelalter wurde jede Stadt am Abend abgeschlossen. Die Stadttore wurden verriegelt, niemand kam mehr rein oder raus. „Was abzuschließen und für bestimmte Zeit zu verschließen“, sagt sie, „ist ganz typisch für eine mittelalterliche Stadtgesellschaft.“ Das Kloster radikalisierte ein allgemeines Prinzip – und wandte es vor allem auf Frauen an. In der Praxis bedeutete Klausur: Mauern um den Konvent, unüberwindbar von innen wie von außen. In der Mitte ein kleines Törchen für den notwendigen Kontakt mit der Außenwelt. Und für Besuche ein Sprechzimmer – mit einem Gitter, hinter dem sich die beiden Parteien gegenübersaßen. Selbst weibliche Angehörige durften häufig nicht weiter in das Kloster hinein.

Schutzraum und Machtinstrument

Wozu das alles? Muschiol nennt zwei Antworten, die sich nicht ausschließen, aber in Spannung stehen. Einerseits war das Kloster im Mittelalter tatsächlich ein Schutzraum. Als beispielsweise die Wikinger kamen, zogen sich Frauen aus der Umgebung in die Klöster zurück – manchmal vergeblich, manchmal nicht. In Zeiten von Gewalt und Unsicherheit war eine ummauerte Gemeinschaft ein realer Schutz.

„Das würde ich nicht kleinreden. In der mittelalterlichen Gesellschaft war das Kloster an manchen Stellen wirklich ein Schutzraum. Gleichzeitig weiß ich, dass es ein Herrschaftsinstrument war.“

Das Machtinstrument funktionierte so: Klausur verlangt Vertreter für alle Dinge, die außerhalb der Mauern erledigt werden müssen. Wirtschaftsgeschäfte, Alltagsangelegenheiten, Rechtsfragen. Wer nicht selbst herausgehen darf, ist auf andere angewiesen. Und diese anderen waren – fast immer Männer. Klausur schuf Abhängigkeit, strukturell, systematisch, unausweichlich.
Was Muschiol besonders beschäftigt: Für Männer galt das Gleiche theoretisch auch. Formal sollte Klausur für Mönche und Nonnen gleich stark sein. Aber sie war es niemals. Weder für Benediktiner und Zisterzienser noch für die Bettelorden. Die Dominikaner etwa sind als Predigerorden ständig unterwegs. Das Gegenteil von Klausur. Für die Dominikanerinnen galt: strikt zu Hause bleiben. Die Lebensstrukturen von Frauengemeinschaften verschiedener Orden ähnelten sich daher stark, weil die Klausur alles andere überlagerte. Ob Benediktinerinnen, Zisterzienserinnen oder Dominikanerinnen: alle saßen hinter denselben Mauern.

Prof. Dr. Gisela Muschiol, Kirchenhistorikerin und Spezialistin für mittelalterliche Frauenklöster, erforscht seit Jahrzehnten die Geschichte der Klausur als Schutzraum und Herrschaftsinstrument (Foto: ktf.uni-bonn.de/aktuelles/nachrichten/abschiedsvorlesung-gisela-muschiol)

Reform gleich Klausur

Im 15. Jahrhundert veränderte sich die Kirche grundlegend. Drei Päpste beanspruchten gleichzeitig, der rechtmäßige zu sein – ein Zustand, den das Konzil von Konstanz (1414–1418) beendete, indem es alle drei absetzte und einen neuen wählte. Das Konzil erklärte Reform zum kirchenweiten Grundprinzip: zurück zu den Ursprüngen, zurück zum Evangelium. Die Orden griffen das auf, aus eigenem Antrieb, nicht auf Befehl. Die Orden waren sehr selbstständig im Mittelalter, sagt Muschiol, und Reform war zunächst eine freie Entscheidung.
Für Frauenkonvente hatte diese Entscheidung zur Reform fast immer denselben ersten Schritt: Klausur. Die Reformer – Männer, ausnahmslos, wie Muschiol anmerkt – machten sich ihr Bild von einer Ursprungsregel und setzten es durch. Das führte zu einer paradoxen Situation: Selbst Konvente, die die Reform aus echter Überzeugung mitgetragen hatten, verloren durch die Klausur ihre Selbstständigkeit. Wer sich für die Reform entschied, entschied sich gleichzeitig für Abhängigkeit.

„Die Frauengemeinschaften haben die Reform selbst aufgegriffen. Und trotzdem kommen sie sofort in -Abhängigkeiten – durch die Klausur, die mit der Reform einhergeht.“

Wie konkret das bis in die Frühe Neuzeit hinein sein konnte, zeigt ein Beispiel aus Münster, das Muschiol fast beiläufig erwähnt: Das heutige Standesamt ist in einem alten Kloster untergebracht, dem ehemaligen Kloster Lotharinger Chorfrauen. Diese Nonnen kamen aus Frankreich mit einer klaren Idee: Sie wollten die erste Mädchenschule in Münster gründen. Sie unterhielten zwei Schulen nebeneinander – eine freie Schule für alle, und eine Internatsschule für bürgerliche Töchter, die Schulgeld kostete. Das Schulgeld der Internatschule finanzierte die kostenlose. Als der Bischof darauf bestand, dass sie Klausur einhalten müssten, stand plötzlich alles auf dem Spiel. Wer klausuliert lebt, kann keine Schule führen.

Die verstockten Weiber

Nicht alle Klöster fügten sich. In Regensburg leisteten Benediktinerinnen und Stiftsfrauen dreier großer, einflussreicher Konvente Widerstand – gegen die Klausurreform, gegen die Einschränkungen, die mit ihr kamen. Ein Mönch notierte seine Reaktion darauf in einer Quelle, die Muschiol gerne zitiert. Er nannte sie „pos verstockt weyber“ – böse verstockte Weiber.
Muschiol sagt das mit einer gewissen Genugtuung. Denn dieser kleine Ausruf männlicher Frustration belegt etwas: Diese Frauen haben nicht einfach akzeptiert. Sie wussten, was auf dem Spiel stand. Ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit, ihre Handlungsfähigkeit, ihr Eigenleben innerhalb der Mauern. Klausur konnte das alles nehmen.

„Die Frauen, die sich gewehrt haben, haben sehr genau begriffen, was Klausur in der Praxis bedeutet. Das ist kein blinder Widerstand. Das war Kalkül.“

Warum Frauenräume funktionieren 
– auch hinter Mauern
Benedikt, der Gründervater westlichen Mönchtums, hatte in seiner Regel schon für Mönche festgelegt: Innerhalb der Mauern soll nach Möglichkeit alles vorhanden sein. Mühlen, Gärten, Wälder – alles, damit man nicht herausgehen muss. Denn Kontakt mit der Außenwelt, so Benedikt, sei eine Gefahr. Für Frauenklöster bedeutete das in der Konsequenz, dass innerhalb der Mauern relativ viel an Alltagsoptionen vorhanden sein musste. Viele Klöster hatten eigene Mühlen, ausgedehnte Gartenanlagen – Räume, in denen sich ein Leben gestalten ließ, das nicht auf die Außenwelt angewiesen war.
Muschiol macht eine Beobachtung, die zunächst überrascht: Innerhalb dieser Mauern haben Frauen oft Erstaunliches geschaffen. Im Kloster Paradiese bei Soest schrieben Dominikanerinnen Handschriften für die Dortmunder Brüder und setzten am Ende ihren Namen darunter. „Ego soror Elisabetha dixit et pinxit“: Ich, Schwester Elisabeth, habe dies geschrieben und gemalt. Bis in die 1950er Jahre, sagt Muschiol, haben Forscher bei Handschriften aus Frauenklöstern angenommen, ein Mann müsse sie verfasst haben. „Nein“, sagt sie knapp. „Frauen konnten schreiben, auch im Mittelalter schon.“
Die Ausstellung „Krone und Schleier“ hat das 2005 erstmals einem breiten Publikum sichtbar gemacht: Frauenklöster als Orte der Buchproduktion, der Bildung, der Theologie. Die Lüner Schwestern webten Bildteppiche mit theologischen Programmen. In Bamberg hängt ein Passionsteppich, der größer ist als eine Zimmerwand – mit Szenen vom Ölberg bis zur Grablegung. Und unten im Rand haben sich zwei Nonnen eingewoben: mit ihrem Webstuhl, sich selbst davor, daneben einen Korb mit Wolle. Eine Signatur. „Wir haben das gemacht“.
Im österreichischen Kloster Göss wusste eine Äbtissin im Hochmittelalter: Frauen dürfen nicht an den Altar treten. Reinheitsvorstellungen schlossen sie aus dem Altarraum aus. Was tat sie? Sie ließ sich und ihre Nonnen auf die Rückseiten der Messgewänder der Priester sticken. Jedes Mal, wenn die Messe gefeiert wurde, waren die Frauen am Altar – in Repräsentanz. „Die Äbtissin nutzt einfach ihre Möglichkeiten“, sagt Muschiol. „Man erwartet von ihr, Messgewänder in Auftrag zu geben. Und man erwartet von den Nonnen, sie zu sticken. Also sticken sie sich selbst hinein.“

700 Jahre lang

Hinter der Geschichte der Klausur steckt die Geschichte eines Frauenbildes. Thomas von Aquin – wichtiger Dominikaner des 13. Jahrhunderts – rezipierte Aristoteles, der durch arabische Übersetzungen wieder in den Westen gelangt war. Aristoteles beschrieb die Frau als „mas occasionatus“: den verunglückten Mann. Das vollkommene Geschöpf sei der Mann; die Frau das weniger vollkommene. Thomas von Aquin übernahm das, und es verbreitete sich mit seiner Theologie. Im Frühmittelalter, sagt Muschiol, gab es mächtige Äbtissinnen, die nahezu bischöfliche Funktionen ausübten. Die angelsächsische Nonne Lioba kam im 8. Jahrhundert auf den Kontinent, hochgebildet, Fachfrau für Kirchenrecht. Bischöfe kamen zu ihr, um sich Rat zu holen. Dieses Bild veränderte sich. Die Theologie des 13. Jahrhunderts drängte Frauen schrittweise aus Positionen der Autorität heraus.
Die Entstehung der Universität im 12. Jahrhundert tat bereits ein Übriges. Studenten mussten reisen: von Paris nach Bologna, von Köln nach Prag. Und sie brauchten eine Finanzierung ihres Studiums – meist durch Klerikerpfründen (mit Einkünften verbundene Kirchenämter). Für Frauen waren weder eigenständige Reisen noch Pfründen möglich und damit war der Zugang zur universitären Bildung versperrt. Erst 1908 wurden Frauen in Preußen offiziell zum Studium zugelassen. Siebenhundert Jahre Pause.

„Das ist verrückt. Mehr als 
siebenhundert Jahre Ausschluss.“

Die Versorgungsthese 
ins richtige Licht gerückt
Es gibt einen Mythos über Frauenklöster, der sich hartnäckig hält: das Kloster als Versorgungsanstalt. Unverheiratete Töchter, die anderswo nicht unterzubringen waren, wurden ins Kloster geschickt. Muschiol hält davon wenig und sagt das mit der Schärfe einer Frau, die das Argument zu oft gehört hat.
„Wissenschaftlich problematisch ist, dass die Versorgungsthese nur auf Frauen angewandt wird. Wenn man sich z. B. die Bischöfe von Münster bis 1800 ansieht, sind das allesamt zweitgeborene Adelssöhne – also diejenigen, die nicht erbten. Auch das ist Versorgung. Warum nennen wir es dort nicht so?“

Eine persönliche Geschichte

Prof. Muschiol forscht über Frauenklöster nicht nur, weil es ein Forschungsdesiderat war. Drei ihrer engsten Studienfreundinnen gingen Mitte der 1980er Jahre ins Kloster – eine hatte im ersten Jahr Kontaktverbot: keine Besuche, kaum Briefe. Das Klausurjahr. „Ich habe damals schon gedacht: Wie kommt das? Woher kommt das? Und dann: Okay, ich forsche darüber.“
Aus dieser persönlichen Frage ist ein wissenschaftliches Leben geworden. Sie hat seitdem Hunderte von Klöstern erforscht, an Ausgrabungen im Kloster Dalheim mitgewirkt: „Wir haben die Frauen bisher in Texten ausgegraben, jetzt graben wir sie in der Realität aus“. Und sie hat internationale Forschungsnetzwerke aufgebaut.
Im Frühmittelalter waren Klöster Orte des Wissens: Bibliotheken, Skriptorien, Zugang zu antiken Texten, den es außerhalb kaum gab. Dieses Wissen wurde später zentralisiert, in Universitäten, aus denen Frauen dann systematisch ausgeschlossen waren. Heute, wo die Forschung über genau diese Frauen endlich entsteht, gerät die Wissenschaftsfreiheit selbst unter Druck. Kolleginnen und Kollegen in den USA, mit denen Muschiol seit Jahren zusammenarbeitet, wollen zurück nach Europa, um dort weiterzuforschen. Expertise, die für die USA verloren gehen wird. Das ist eine Bedrohung für die Wissenschaft insgesamt.

💡
Prof. Dr. Gisela Muschiol ist Seniorprofessorin für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Bonn. Sie hat ihre Habilitation zum Thema der Klausur im 12. Jahrhundert geschrieben und forscht seit über vierzig Jahren zu mittelalterlichen Frauenklöstern. Sie ist Mitherausgeberin des Nordrheinischen Klosterbuchs (bisher erschienen in drei Bänden im Franz Schmitt Verlag Siegburg). Muschiol ist im Sauerland aufgewachsen und lebt in Münster. Sie arbeitet derzeit mit einer Kollegin von der Universität St. Andrews/Schottland an den Ausgrabungen im Kloster Dalheim (Westfalen) mit, die unter der Leitung des LWL-Archäologen Wolfram Essling-Wintzler stehen. Sie ist außerdem Ombudsfrau der Universität Bonn für wissenschaftliche Mitarbeiter:innen.