Der Advokat und der Kapuziner – Fidelis von Sigmaringen, Andreas Jurgeleit und die Frage, was einen Juristen trägt
Über Recht, -Gewissen und die Entscheidung, welchem Urteil man am Ende folgt.
Wenige Tage bevor ich diese Zeilen schreibe, wurde im ZDF ein Fernsehgottesdienst ausgestrahlt. Er kam aus dem Kapuzinerkloster in Münster. Bruder Paulus Terwitte, seit Ende 2025 Guardian dieser Gemeinschaft, spricht in der Predigt über einen Mann, den die meisten Zuschauer nicht kennen werden: Fidelis von Sigmaringen.
Ein Kapuziner. Ein Märtyrer. Ein Heiliger. Aber auch: ein Jurist. Ein Doktor beider Rechte. Ein Anwalt, der als „Anwalt der Armen“ bekannt war – und der den Rechtsberuf aus Gewissensgründen verließ.
Ich saß in der Messe. Ich hatte Bruder Paulus wenige Tage zuvor im selben Kloster interviewt, für diese Ausgabe von AUFRECHT. Wir hatten über Heimat gesprochen, über Wandel, über die Frage, was ein Kloster heute noch sein kann. Vielleicht war es dieses Gespräch – das Gespräch mit einem Advokaten, der ein Magazin herausgibt, das sich „Kloster der Moderne“ nennt –, das Bruder Paulus dazu bewogen hat, Fidelis zu erwähnen. Vielleicht war es Zufall. Vielleicht gibt es solche Zufälle nicht.
Markus Roy, Doktor beider Rechte
Was ich weiß: Als der Name fiel, wurde ich still. Markus Roy, so sein bürgerlicher Name, wurde 1577 oder 1578 in Sigmaringen geboren, als Sohn des Bürgermeisters. Er studierte in Freiburg im Breisgau Philosophie und beide Rechte – das weltliche und das kanonische. 1611 wurde er zum Doktor promoviert. Er bereiste als Hofmeister Frankreich, Spanien und Italien, lernte europäische Verwaltung und Justiz kennen, sprach mehrere Sprachen. Dann nahm er eine Stelle an. Gerichtsrat bei der vorderösterreichischen Regierung in Ensisheim, im Elsass. Ein angesehener Posten. Eine Karriere, die hätte beginnen können.
Die Kluft zwischen Recht und Rechtspraxis
Was stattdessen begann, war eine Krise. Roy erlebte, was Juristen in jeder Epoche erleben können: die Kluft zwischen dem, was das Recht verspricht, und dem, was die Rechtspraxis hält. Korruption. Machtpolitik. Die Instrumentalisierung rechtlicher Verfahren zum Vorteil der Mächtigen. Er sah, wie Kollegen technische Schlupflöcher nutzten, wie Intrigen die Argumentation ersetzten, wie die Schwachen im System untergingen.
Sein Biograph notiert, dass er sich weigerte, Verleumdungen einzusetzen, dass er auf die Ausnutzung von Formfehlern verzichtete, dass er sich stattdessen für die Rechte der Benachteiligten einsetzte. Man nannte ihn deshalb den „Anwalt der Armen“.
Ein Patron, den fast niemand kennt
Aber es reichte ihm nicht. Im September 1612 empfing Markus Roy die Priesterweihe. Am 4. Oktober desselben Jahres trat er bei den Kapuzinern in Freiburg ein. Er legte seinen bürgerlichen Namen ab und nahm einen neuen an: Fidelis. Der Treue.
Es war kein Rückzug. Es war eine Entscheidung. Aus einem Urteil heraus über das System, in dem er gearbeitet hatte. Ein existentielles Urteil, nicht ein juristisches.
Am 24. April 1622 wurde Fidelis vor der Kirche in Seewis im Prättigau von reformierten Bauern erschlagen. Er war fünfundvierzig Jahre alt. Er hatte als Missionsprediger in Graubünden gearbeitet, wenige Tage zuvor war er zum Leiter der rätischen Mission ernannt worden.
1746 sprach Papst Benedikt XIV. ihn heilig. Er gilt als Erstlingsmärtyrer des Kapuzinerordens. Er ist Patron von Sigmaringen, Feldkirch, Hohenzollern, der Erzdiözese Freiburg und der Diözese Feldkirch.
Und er ist Patron der Juristen. Dieser letzte Satz steht in den Lexika. Aber er wird selten ausgesprochen. Die meisten Juristinnen und Juristen wissen nicht, dass sie einen Patron haben. Und wenn sie es erfahren, überrascht sie, dass es ausgerechnet ein Mann ist, der den Beruf verlassen hat.
Bürgerlicher Name: Markus Roy. Er studierte in Freiburg Philosophie und Recht und wurde zum Doktor beider Rechte promoviert. Als Gerichtsrat in Ensisheim erwarb er sich den Ruf eines „Advokaten der Armen“ – bis ihn Korruption und Fehlurteile im Rechtswesen zur Abkehr bewogen. 1612 trat er in den Kapuzinerorden ein und wirkte fortan als Seelsorger und Klostergründer in der Schweiz und am Oberrhein. 1622 wurde er als Missionar nach Graubünden entsandt, um dort für die Gegenreformation zu wirken – und kam dabei ums Leben. 1746 wurde er von Papst Benedikt XIV. heiliggesprochen. Er gilt als Patron der Juristen.
Vierhundert Jahre später
Vierhundert Jahre später. 29. Januar 2026. Andreas Jurgeleit stirbt. Richter am Bundesgerichtshof. Mitglied des VII. Zivilsenats, zuständig für Bauvertragsrecht.
Jurgeleit war kein Mann, der den Beruf verließ. Er war ein Mann, der den Beruf durchdrang. Der die VOB/B zerlegte – jenes hundertjährige Regelwerk, das das Bauen in Deutschland ordnet und zugleich Machtverhältnisse zementiert. Der das Wort „Vernichtungswillen“ benutzte, um die Haltung des Gesetzgebers gegenüber einem überholten System zu beschreiben. Ein Jurist mit Seziermesser.

Bange Zuversicht
Am 5. Februar erschien seine Traueranzeige in der FAZ. Er hatte sie selbst verfasst. „Herr, in Deine Hände lege ich meinen Geist.“ Darunter: Er sehe dem Urteil über sich selbst mit „banger Zuversicht“ entgegen. Dank an „meine katholische Kirche“. Und die Namen der Söhne: Beda Andreas und Benedikt Heinrich. Mönchsnamen. Dreißig Jahre im Beruf, und niemand hatte es gewusst.
Für sein Requiem hatte Jurgeleit eine Lesung gewählt, in der Gott sich nicht im Sturm offenbart, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer – sondern in einem sanften, leisen Säuseln. Ein Richter, der sein Leben lang in lauten Gerichtssälen gesessen hatte, wählte am Ende eine Lesung über die Stille.
Fidelis verließ das Recht, weil er es nicht mehr ertrug. Jurgeleit blieb im Recht und verbarg, was ihn trug. Zwei Juristen, vierhundert Jahre auseinander, und doch durch dieselbe Frage verbunden: Was trägt den Juristen, wenn Recht mehr sein soll als Technik?
Die Antwort von Fidelis war radikal: der Bruch. Der Gang durch die Klostertür. Die letzte Mark in den Opferkasten. Die vollkommene Nacktheit und Einfachheit, wie Bruder Paulus es für seinen eigenen Ordenseintritt beschreibt. Fidelis sagte: Dieses System ist nicht zu reparieren, also verlasse ich es und diene anderswo.
Die Antwort von Jurgeleit war eine andere Art von Radikalität: das Schweigen. Dreißig Jahre im Beruf, dreißig Jahre Glaube – und kein Wort darüber. Nicht aus Scham, sondern aus Klugheit. Er wusste, was passiert, wenn ein Richter seine Motive offenlegt. Die Kollegen hören die Motive, nicht mehr die Argumente. Der katholische Richter. Der Gläubige am BGH. Eine Schublade, die ihn kleiner gemacht hätte als sein Werk.
Also schwieg er. Und platzierte seine Offenbarung so, dass niemand mehr widersprechen konnte.
Der dritte Weg
In der Traueranzeige. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Am Ende. Es gibt einen dritten Weg. Einen, der weder Bruch noch Schweigen ist. Wenige Tage nach Jurgeleits Beerdigung fuhr ich nach Frankfurt. In die Zentrale der FAZ – derselben Zeitung, in der die Traueranzeige erschienen war. Ich sprach mit Jan Hauser, dem Verantwortlichen Redakteur für Immobilien, über den Sovereign Store, über die KI, über das Magazin.
Irgendwann fragte er – oder ich lenkte das Gespräch dorthin, ich weiß es nicht mehr –, warum ich das alles mache, wenn es kostenfrei sei. Das sei kein Geschäftsmodell. Warum mache man das?
Ich erzählte von Jurgeleit. Von der Traueranzeige mit dem Bibelzitat. Von der Frage, ob man auf seine eigene Traueranzeige warten muss, um zu sagen, was einen trägt.
Und dann die Frage, ob das nicht ein Risiko sei. Ob ich keine Angst hätte.
Doch. Aber die Alternative sei schlimmer. Die Alternative sei eine Professionalität ohne inneren Grund. Die halte in Krisen nicht.
Was verbindet einen Kapuziner des 17. Jahrhunderts, der den Rechtsberuf verließ, mit einem Bundesrichter des 21. Jahrhunderts, der seinen Glauben verbarg? Was verbindet beide mit einem Fernsehgottesdienst in Münster, bei dem ein Guardian den Namen Fidelis ausspricht – Tage nachdem er mit einem Anwalt gesprochen hat, der einen Laden am Roggenmarkt „Kloster der Moderne“ nennt?
Ich glaube, es ist die Frage nach der Haltung. AUFRECHT heißt dieses Magazin. Nicht EFFIZIENT. Nicht PROFITABEL. Nicht ERFOLGREICH. Aufrecht.
Aufrecht heißt: zu dem stehen, was einen trägt. Nicht als Pose. Nicht als moralisches Etikett. Sondern als Orientierung an Maßstäben, die größer sind als der eigene Vorteil.
Recht ohne diese Haltung ist Handwerk. Und was nur Handwerk ist, können Maschinen ersetzen. Genau deshalb reicht es nicht, eine KI zu bauen, die Paragraphen findet. Es reicht nicht, einen Raum zu eröffnen, der Wissen zugänglich macht. Die Frage bleibt: Wofür steht der Mensch, der dahinter steht?
Ein Architekt, der die neuen Räumlichkeiten am Roggenmarkt besuchte, sagte: „Ich habe jetzt verstanden, dass Sie ein Menschenfreund sind.“ Darin spiegelt sich nicht nur Anerkennung, sondern auch Skepsis. Darf es Projekte geben, die nicht vorrangig auf Profit ausgerichtet sind? Oder vermutet man zwangsläufig einen Haken?
Verschiedene Arten, aufrecht zu sein
Drei Antworten, drei Wege. Fidelis ging. Jurgeleits Antwort war sein Werk – und seine Traueranzeige. Bruder Paulus‘ Antwort ist sein täglicher Dienst: acht Brüder über sechzig in einem Haus für hundert, und trotzdem die Tür offen.
Im Kapuzinerkloster in Münster – jenem Ort, von dem aus der Fernsehgottesdienst gesendet wurde, von dem aus Bruder Paulus den Namen Fidelis in die Wohnzimmer der Republik trug – hängt kein Bild von Fidelis. Es gibt keine Gedenktafel. Kein Schild, das an den Patron der Juristen erinnert.
Das passt. Fidelis war Kapuziner. Die Kapuziner sind Minderbrüder. Sie brauchen keine Gedenktafeln. Sie brauchen keine Klöster – auch wenn sie in einem wohnen. „Ich bin der Armut des heiligen Franziskus verpflichtet“, sagt Bruder Paulus. „Ich muss gar nichts haben – auch nicht ein Kloster.“
Aber manchmal fällt ein Name in einer Predigt. Und jemand, der zuhört, erkennt darin mehr als eine historische Anekdote. Er erkennt eine Frage, die ihn selbst betrifft.
Was treibt uns an – und wann sind wir bereit, es zu sagen? Fidelis sagte es, indem er ging. Jurgeleit sagte es, indem er blieb – und am Ende schrieb. Bruder Paulus sagt es jeden Tag. Morgengebet, Vesper, Beichtdienst. Und gelegentlich vor einer Fernsehkamera.
Es gibt verschiedene Arten, aufrecht zu sein. Die eine ist nicht besser als die andere. Aber alle verlangen etwas, das heute selten geworden ist: den Mut, das, was einen trägt, nicht zu verbergen. Nicht hinter Effizienz. Nicht hinter Professionalität. Nicht hinter der Angst, missverstanden zu werden.
Fidelis von Sigmaringen. Patron der Juristen. Ein Mann, den fast niemand kennt. Ein Name, der in einer Predigt fällt und in der Stille eines Kirchenraums nachklingt. Wie das sanfte, leise Säuseln.
Hinweis: Der ZDF-Fernsehgottesdienst aus dem -Kapuzinerkloster Münster wurde am 1. März 2026 -ausgestrahlt.