Das verborgene Bekenntnis – Andreas Jurgeleit und die Traueranzeige in der FAZ
Ein Richter, ein Glaube – und das, was erst am Ende sichtbar wird.
„Bange Zuversicht“ – zwei Worte, die mehr sagen als jedes Urteil.
Am 29. Januar 2026 starb Andreas Jurgeleit. Richter am Bundesgerichtshof. Mitglied des VII. Zivilsenats, zuständig für Bauvertragsrecht. Der Mann, der die VOB/B Klausel für Klausel sezierte. Ein scharfer Denker. Ein Richter, der Haltung hatte.
Ich kannte ihn als Juristen. Ich wusste nicht, dass er katholisch war. Am 5. Februar erschien seine Traueranzeige in der FAZ. Er hatte sie selbst verfasst. „Herr, in Deine Hände lege ich meinen Geist.“
Ein Bibelzitat. Psalm 31. Die letzten Worte Christi am Kreuz. Darunter: „Meine Seele liegt nun in den guten Händen unseres Herrn, dessen Urteil ich mit banger Zuversicht entgegensehe.“
Bange Zuversicht. Zwei Worte, die sich widersprechen. Zwei Worte, die zusammen mehr sagen als jeder juristische Leitsatz. Ein Richter, der sich einem höheren Urteil unterwirft.
Dann der Dank. An die Eltern und Großeltern. An „meine katholische Kirche“ – ausdrücklich so formuliert. Und an die Söhne: Beda Andreas und Benedikt Heinrich.
Beda und Benedikt
Die Namensgebung verrät alles.
Beda Venerabilis, der Ehrwürdige: Ein angelsächsischer Mönch des 8. Jahrhunderts, geboren um 673 in Northumbria, der mit sieben Jahren als Oblate ins Kloster eintrat und es nie mehr verließ. Er schrieb rund vierzig Werke – die Historia ecclesiastica gentis Anglorum, Bibelkommentare, Hymnen, ein Martyrologium. Er führte die Anno-Domini-Zeitrechnung ein, die wir bis heute verwenden. Er gilt als Vater der englischen Geschichtsschreibung. 1899 wurde er zum Kirchenlehrer erhoben.
Benedikt von Nursia, der Ordensgründer: Um 480 geboren, Studium in Rom abgebrochen, Einsiedler in Subiaco, Gründer von Monte Cassino, Verfasser der Regula Benedicti – jener Regel, die das abendländische Mönchtum formte: Stabilitas loci, conversatio morum, Gehorsam. Die Regel, die ora et labora zum Lebensprinzip erhob – wobei diese Formel, wie Kenner wissen, nicht wörtlich in der Regel steht, sondern Kapitel 48 zusammenfasst, das Gebet, Lesung und manuelle Arbeit ausbalanciert. 1964 wurde Benedikt zum Patron Europas erklärt.
Ein Bundesrichter, der seinen Söhnen Mönchsnamen gab. Dreißig Jahre lang hatte das kaum jemand gewusst.
Das sanfte, leise Säuseln
Beim Requiem in der Propsteikirche St. Peter & Paul in Bochum stammte die Lesung, die Jurgeleit selbst ausgewählt hatte, aus dem Ersten Buch der Könige. Die Gottesbegegnung des Propheten Elia am Berg Horeb:
„Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerreißt und die Felsen zerbricht, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.“
Ein Richter, der sein Leben lang in lauten Gerichtssälen gesessen hatte. Der Urteile gesprochen hatte, die Konsequenzen hatten. Und der am Ende eine Lesung über die Stille wählte.
Was sagt das über eine Gesellschaft?
Was sagt es, wenn Menschen ihre tiefsten Motive verbergen? Nicht aus Scham, sondern aus Klugheit. Jurgeleit wusste, was passiert, wenn ein Richter seine Motive offenlegt. Die Kollegen hören die Motive, nicht mehr die Argumente. Der katholische Richter. Der Gläubige am BGH. Eine Schublade, die ihn kleiner gemacht hätte als sein Werk.
Also schwieg er. Und platzierte seine Offenbarung so, dass niemand mehr widersprechen konnte. In der Traueranzeige. In der FAZ. Am Ende.