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Die Familie vor dem Christophorus – 
Eine Begegnung im 
Sovereign Store

Die Familie vor dem Christophorus – 
Eine Begegnung im 
Sovereign Store
Christophorus von Alf Wandenelis: entstanden aus einem Schatten, offen in der Deutung, still in der Wirkung (Foto Maxime P. Lindenbaum)

Es war ein Samstagmittag Ende November, kurz vor dem ersten Advent. Wir hatten zur Präsentation der ersten Ausgabe von AUFRECHT eingeladen, kostenloser Glühwein stand bereit, Menschen kamen und gingen durch den Sovereign Store.
Gegen 14 Uhr betrat eine vierköpfige Familie den Raum. Sie bewegten sich langsam durch Scriptorium zum Refugium. Dort blieben sie stehen. Vor dem großen Bild an der hinteren Wand.
Die Kinder schauten nach oben. „Was ist das?“, fragte eines. Ich trat hinzu. „Was seht ihr denn?“
„Einen Mann. Mit einem Kind auf der Schulter. Und da unten ist Wasser.“ Ich erzählte die Legende: Ein Riese, der Menschen über einen gefährlichen Fluss trägt. Eines Nachts ein kleines Kind, das immer schwerer wird. Der Riese erkennt: Er trägt die Last der Welt.
Die Kinder hörten gebannt zu. „Das ist nett“, sagte das jüngere Kind. Und dann nannte ich den Namen: Christophorus.
In diesem Moment änderte sich etwas. Beide Kinder zogen sich leicht zurück. Fast synchron. „Wir sind nicht religiös“, sagte das jüngere sofort. Die Mutter bestätigte: „Wir sind weder katholisch noch evangelisch.“
Bis zu diesem Moment war von Religion nicht die Rede gewesen. Nur ein Name war gefallen. Ein Name, der genügte, um Distanz zu schaffen.
Ich denke seitdem über diese Szene nach. Nicht, weil ich die Familie missionieren wollte – das lag mir fern. Sondern weil in dieser Begegnung ein gesellschaftliches Phänomen sichtbar wurde: Wir haben die Orte verloren, an denen wir uns sammeln können, ohne sofort in Lager aufgeteilt zu werden.
Religiöse Symbole, Namen, Geschichten sind für viele Menschen so aufgeladen, dass sie sofort Distanz schaffen. Selbst Kinder haben gelernt: „Religion ist nichts für uns.“ Und wir haben kaum noch Orte, an denen man mit solchen Bildern in Berührung kommen kann – ohne sofort einsortiert zu werden.
Das Christophorus-Bild im Refugium stellt eine Frage – leise, ohne Aufdringlichkeit, aber beharrlich: Was trägst du? Und wer trägt dich?
Man kann diese Frage religiös hören. Man kann sie existentiell hören. Man kann sie als Anwalt hören.

Rügener Kreide, Leinölfirnis, Sandwichverfahren: archaisches Material, moderne Technik. (Foto Maxime P. Lindenbaum)

Das Werk von Alf Wandenelis 
im Sovereign Store

Im Zentrum des Refugiums hängt das Christophorus-Bild des Künstlers Alf Wandenelis. Es entstand aus dem Schatten einer fast vier Meter hohen Christophorus-Statue, deren Umriss der Künstler einfing, weiterentwickelte und zu einem eigenständigen Kunstwerk transformierte.
Der Christophorus des Mittelalters war eine monumentale, eindeutige Figur. Kraftvoll, klar, unübersehbar – oft riesig an Kirchenwänden dargestellt, damit Reisende ihn schon von weitem sahen. Sein Anblick galt als Schutz für den Tag.
Der Christophorus von Wandenelis ist ein Schatten, eine Andeutung, eine Erinnerung. Er ist nicht weniger kraftvoll – aber seine Kraft liegt in der Offenheit. Man kann in ihm sehen, was man sehen will. Oder muss. Er ist da, aber er drängt sich nicht auf. Er begleitet, aber er belehrt nicht. Er schützt – aber nur, wenn man bereit ist, seinen Blick zu erwidern (vgl. hierzu den Beitrag auf Seite 142 ff.).
Alf Wandenelis: in der DDR aufgewachsen, lebt und arbeitet in Lübeck.