„Hier leben von Gott per Hand ausgesuchte Freiheitskämpfer der Liebe“
Ein Gespräch mit Bruder Paulus Terwitte über Heimat, Wandel und die Zukunft des Klosterlebens.
Bruder Paulus Terwitte ist einer der bekanntesten Ordensleute Deutschlands. Geboren 1959 im westmünsterländischen Stadtlohn, trat er mit 19 Jahren in den Kapuzinerorden ein, studierte Philosophie und Theologie in Münster und Graz und wurde 1985 im Kapuzinerkloster Münster zum Priester geweiht. Seitdem führte ihn das Ordensleben durch die Republik: nach Offenburg, Stühlingen, Dieburg, Würzburg, Gera, Frankfurt am Main und München. In Frankfurt leitete er über zehn Jahre den Franziskustreff – eine Obdachlosenspeisung und Sozialberatung mitten in der Innenstadt. Seit 2013 ist er Vorstand der Franziskustreff Stiftung. Für seine herausragenden persönlichen Leistungen für das Gemeinwohl und seine Arbeit zugunsten von Menschen am Rande der Gesellschaft wurden ihm die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt und das Bundesverdienstkreuz verliehen. Als Buchautor, Fernsehmoderator und täglicher Sprecher des „Tagessegen“ auf katholisch.de und Bibel TV erreicht er ein Millionenpublikum. Ende 2025 kehrte Bruder Paulus als Guardian – als Leiter der Klostergemeinschaft – nach Münster zurück. An den Ort seiner Priesterweihe. Nach über vierzig Jahren.
Bruder Paulus, Sie sind im Münsterland geboren, haben in Münster studiert und wurden hier zum Priester geweiht. Nach über vierzig Jahren im Orden sind Sie als Guardian zurückgekehrt. Was hat sich verändert, als Sie wieder in Münster angekommen sind? — Wenn man als 66-Jähriger an den Ort seiner Anfänge zurückkehrt, ist das Erste, was man wahrnimmt, nicht die Veränderung. Es ist die Erinnerung. Jeder Stuhl, jede Tür, jede Kirche erinnert ihn an das, was er hier erlebt hat. Die Studentengottesdienste in der Petrikirche, die Vorlesungen an der Fakultät, die Promenade – wo früher das Hörsterkloster stand, steht jetzt etwas anderes. Bevor er schauen kann, was heute ist, drängt sich auf, woraus er geworden ist. Nach zwei Monaten sehe er die Stadt immer noch durch die Augen dessen, der er einmal war. Er erinnere sich an Stunden im Kreuzviertel, wo er bei einer Theologin das Judentum kennenlernte. An das Grab von Schwester Euthymia, an dem er als Siebenjähriger mit seiner Mutter und seiner Tante gestanden habe. Münster sei für ihn zunächst ein Ort der Erinnerung, bevor es ein Ort der Gegenwart werde.
Sie haben aber gesagt, die Zeichen der Zeit stünden auf Wandel. Was ist es, das sich verändert hat? — Am klarsten sehe er die Veränderung in diesem Gebäude. „Wir leben hier mit neun Brüdern, und der Rest ist leer.“ Die leeren Zimmer seien an Studenten vermietet, sechzehn Gästezimmer stünden für Besucher bereit. Und keiner der Brüder sei jünger als sechzig – mit Ausnahme eines Mitbruders aus Indien. Als er 1978 in den Orden eingetreten sei, habe es achthundert Kapuziner in Deutschland gegeben. Heute seien es noch neunzig, davon etwa siebzig über sechzig.
Aber der Wandel gehe weit über den Orden hinaus. Was er in der Gesellschaft beobachte, sei eine tiefe Verunsicherung darüber, was Heimat bedeute. Menschen mit Migrationsgeschichte, für die Heimat eine offene Frage bleibe. Dreißig Millionen Menschen in Ostdeutschland, die durch den Zusammenbruch eines ganzen Systems entheimatet worden seien. Und die Offenlegungen des Missbrauchs in beiden Kirchen, die ein Grundvertrauen erschüttert hätten. All das habe zu einer Situation geführt, in der eine Frage drängend werde, die jahrzehntelang keine gewesen sei: Wofür stehe ich eigentlich ein?
„Ich bin der Armut des heiligen Franziskus verpflichtet. Ich muss gar nichts haben – auch nicht ein Kloster.“
Eine Frage, die heute schwer zu beantworten ist. — Bruder Paulus nickt. Wenn er als Seelsorger Katholiken frage, warum sie eigentlich zur Messe gingen, bekomme er vielleicht bei zehn Prozent eine Antwort, die mit dem Kern der Sache zu tun habe. Die Kirche habe es versäumt, Menschen mündig zu machen – sie in die Lage zu versetzen, selbst zu formulieren, was der Kern ihrer Existenz sei. Das habe mit Obrigkeitsdenken zu tun, mit bürgerlicher Kirchlichkeit. „Bildung müsste Menschen dahin führen, dass sie mit Freude und voller Stolz sagen können: Heureka, das habe ich gefunden.“
Und wenn jemand sage, er glaube nicht an Gott, sei seine erste Antwort: An den Gott, an den Sie zu glauben versuchen, glaube ich wahrscheinlich auch nicht. Aber was glauben Sie denn dann?
Die eigentliche Frage des Wandels sei: „Wann klicke ich nicht auf den Link, der sich mir anbietet? Wann gehorche ich nicht dem Algorithmus? Wann gehe ich wem nicht auf den Leim – und warum nicht?

Das Kloster als dritte Lebensform
Der Soziologe Armin Nassehi hat festgestellt, dass es im Grunde nur drei Grundtypen menschlicher Lebensformen gibt: das Dorf, die Stadt und das Kloster. Das Dorf als Ort der Kontrolle und Zugehörigkeit, die Stadt als Ort der Individualität und Anonymität – und das Kloster als dritte Form, die beides verbindet. Warum ist diese Erkenntnis so wenig bekannt? — „Ich glaube, dass es daran liegt, dass es eine Ahnung davon gibt, dass im Kloster sich etwas Heiliges tut, dass da etwas ist, wo der Himmel sich verwirklicht. Und der Himmel ist halt anspruchsvoll.“
Wer sich dem Positiven zuwende und sage: Hier verwirklicht sich der Himmel – der müsse akzeptieren, dass es diesen sich verwirklichen wollenden Himmel gebe. Also bleibe man lieber bei äußerlichen Beschreibungen. Man rede über weniger Besitz, über gemeinsames Lesen, über einfache Mahlzeiten. Das sei, als beschreibe man eine Ehe damit, dass zwei Menschen ein gemeinsames Konto führen und morgens zusammen frühstücken. Ein Kloster zu verstehen, ohne über Liebe zu sprechen, sei unmöglich. Ein christliches Kloster lebe davon, dass darin Menschen seien, die von Gott so berührt worden seien, dass sie bereit seien, seinem Beispiel zu folgen. Als er am 16. August 1978 durch die Tür dieses Klosters gegangen sei, habe er seine letzte Mark in den Opferkasten geworfen. „Ich wollte nichts anderes als diesem Christus dienen in vollkommener Nacktheit und Einfachheit und wollte gar nichts mehr mein eigen nennen.“
Er sei nicht auf Männer getroffen, die er mochte. Auch nicht auf Männer, die ihn mochten. Das sei nicht der Punkt. „Hier leben nicht Leute zusammen, die sich mögen oder die sich verstehen oder die miteinander Urlaub machen würden und einen Kegelclub gründen. Hier leben von Gott per Hand einzeln ausgesuchte Freiheitskämpfer der Liebe.“
„Hier leben nicht Leute zusammen, die sich mögen. Hier leben von Gott per Hand einzeln ausgesuchte Freiheitskämpfer der Liebe.“

Aber lässt sich von dieser Lebensform nicht doch etwas übertragen – auch ohne den religiösen Kern? — Jede Nachbarschaft könne sich zum Kloster machen, meint Bruder Paulus. Carsharing, offene Gärten, gemeinsam genutzte Solaranlagen, geteilte Bibliotheken – die Sharing-Modelle existierten ja bereits. Aber sie scheiterten oft daran, dass ein Nachbar nicht mitmache, dass ein Kabel nicht über ein Grundstück geführt werden dürfe.
Er habe mit Menschen gesprochen, die leer stehende Klöster als Gemeinschaftsprojekte nutzen wollten. Seine Antwort sei immer dieselbe gewesen: Das werde nicht funktionieren – es sei denn, die Menschen brächten eine geistige Grundhaltung mit, die es ihnen ermögliche, auf fünfundvierzig Prozent ihrer persönlichen Wünsche zu verzichten. Angefangen beim Seifengebrauch, über das Essen, bis hin zu dem, was im Garten angepflanzt werde.
„Glücklich sein geht nur, wenn ich gebe – nicht wenn ich nehme. Das kann man lernen von den Klöstern. Aber das muss man auch lernen wollen.“

Das Kloster als gebauter Archetyp
In Münster standen einmal über zwanzig Klöster. Die meisten sind aufgelöst, parzelliert, in Büros und Wohnungen verwandelt. Ihr Kloster ist eines der letzten aktiven. Empfinden Sie das als Fortdauer oder als Ausnahme? — Beides, sagt Bruder Paulus. Und dann entwirft er ein Bild, das er das Kloster als Archetyp nennt. Ein Kloster zeige, was jeder Mensch in sich trage: den Raum des Heiligen – die Klosterkirche. Einen Empfangsbereich – die Pforte. Den Bedarf an Gemeinschaft – das Refektorium. Den Drang, Wissen anzusammeln – die Bibliothek. Die Verbindung zur Natur – den Garten. Ein Kloster sei ein gebautes Urbild des Menschseins. Aber dasselbe gelte im Grunde für jede gut gebaute Stadt.
Er werde bisweilen gefragt, was mit dem Klostergebäude geschehen solle, wenn die Brüder eines Tages nicht mehr da seien. Seine Antwort überrascht: „Die wirklichen Räume sind doch die zwischen Ich und Du. Das ist der wichtigste Raum.“
Was er sich für Münster wünsche, sei etwas Ähnliches wie das Berliner „House of One“ – ein Haus, in dem Christen, Juden und Muslime einen gemeinsamen Raum des Gebets teilen. Ob das Kapuzinerkloster ein solcher Ort werden könne, wisse er nicht. Aber die Frage sei gestellt.

Ehrlich am Ende
Sie haben gesagt, Sie laden Menschen in einen Transformationsprozess ein. Was kann das Kloster heute konkret anbieten? — Hier wird Bruder Paulus so direkt, wie es wenige Ordensleute wagen. Ein Gast bekomme ein Zimmer. Er könne am Morgengebet teilnehmen, an der Vesper, durch den Klostergarten gehen. Frühstück gebe es in einem kleinen Gästeraum, mit zwei, drei anderen Gästen an der Kaffeemaschine. Mittagessen sei ungewiss. Abendessen müsse man sich in der Stadt besorgen.
„Mehr können wir nicht anbieten. Wir haben nicht mehr. Wir sind am Ende.“ Er hält inne und fügt hinzu: „Warum soll man das nicht offen kommunizieren? Da steckt für mich Hoffnung drin.“
Er ziehe einen Vergleich zu den Nachbarhäusern. Überall in der Umgebung säßen Menschen, die in den sechziger Jahren mit viel Schmerz ein Haus aufgebaut hätten. Die jetzt mit achtzig darin wohnten und merkten, dass ihre Kinder kein Interesse hätten. Dass das Haus energetisch nicht mehr brauchbar sei. Dass es sich nicht teuer verkaufen lasse. Das sei eine ähnliche Situation.
Aber Sie sind nicht als Guardian hergekommen, um das Kloster abzuwickeln. — „Ich bin als Guardian hierher gekommen, um erstens mit meinen Brüdern hier zu leben. Und zu überlegen, was sich hier vor Ort so tun lässt, dass es kostendeckend ist.“ Ganz einfach. Er sei ein endlicher Mensch. Er wolle mit Lust leben, mit Freude – und verantwortlich mit seinen Kräften umgehen. Die alte Betriebstemperatur müsse er nicht mehr erreichen.
Aber es gehe um mehr als Pragmatik. „Wo Ende draufsteht, ist für uns Christen Auferstehung drin.“ Als Kapuziner habe man eine lange Tradition im Umgang mit dem Ende. Der Totenschädel auf der Kanzel, die Memento-mori-Bilder, Senecas Satz: Ein Leben lang musst du sterben lernen. „Und das gibt auch Kraft.“
Wanderbrüder, keine Mönche
Die Kapuziner wechseln regelmäßig den Ort – Sie selbst haben in sieben Städten gelebt. Die benediktinische Tradition kennt die stabilitas loci, die Ortsbindung. Bei Ihnen ist es das Gegenteil. — „Ich bin ja gar kein Mönch eigentlich.“ Er sei ein Wanderbruder, der in Niederlassungen lebe. Die Kapuziner als Bettelorden hätten gar keine Klöster gewollt. Franz von Assisi habe seinen Brüdern gesagt, sie sollten unter den Menschen leben, nicht hinter Mauern. Dass hier ein Kloster stehe, sei geronnene Tradition, die er akzeptiere, weil man Geschichte akzeptieren müsse.
Aber er glaube nicht, dass die Zukunft des Ordenslebens in diesen Gebäuden liege. Wenn er eine Abtei der Zukunft sehe, dann nicht als mittelalterlichen Baukomplex, sondern auf vier Etagen eines Hochhauses. Oder in einer Wohnanlage für betreutes Wohnen, in der dreihundertachtzig vereinsamte ältere Menschen lebten – und zehn darunter, die einfach miteinander sängen und das Ganze durchsäuerten.
„Niemand hat die Wahrheit gefressen. Aber ich habe die Aufgabe, dass etwas getan wird.“
Die katholischen Fürsten hätten Ende des 17. Jahrhunderts den Kapuzinern vom Bodensee bis Hamburg Klöster gebaut – so begeistert sei man von den Brüdern gewesen. Auch hier in Münster, wo man nach der Zerstörung des alten Klosters an der Aegidiikirche noch einmal ein Studienhaus gebaut habe. Das habe über hundert Jahre seinen Dienst getan. Aber nun sei eine andere Zeit.
„Ich bin ein Minderbruder. Ich bin der Armut des heiligen Franziskus verpflichtet. Ich muss gar nichts haben – auch nicht ein Kloster.“
Gemeinschaft und Eigenwille
Was hält eine Klostergemeinschaft zusammen – und was unterscheidet sie von anderen Gemeinschaftsprojekten? — Er kenne in Deutschland über hundert Projekte, in denen Menschen in Dorfgemeinschaften klosterähnliches Zusammenleben erprobten. Manche lebten dabei fast vorbildlicher als in Klöstern: gemeinsamer Kleiderschrank, gemeinsamer Esstisch. Aber auch dort gebe es Risse, die er als erprobter Ordensmann schnell erkenne – Ideologisierung, unausgesprochene Konflikte, Geldsorgen, zerbrochene Beziehungen.
Der Unterschied liege im Kern. Das Kloster funktioniere, weil jeder Bruder wisse: Er sei persönlich gerufen worden, alles zu verlassen. Und weil er das vom anderen glauben könne, fordere es ihn heraus, gemeinsam nach Wegen zu suchen. „Und darum ist es so schwer, über Klöster zu sprechen, weil man nur über Klöster sprechen kann, wenn man darüber spricht, warum sie eigentlich geworden sind.“
Dann wird er ganz praktisch. Heute Mittag hätten sie darüber beraten, ob in der Biotonne unten Zeitungspapier liegen solle, saugfähiges Küchenpapier oder eine Papiertüte. Ein Bruder habe zwei Seiten von der Müllabfuhr ausgedruckt. Man habe lang diskutiert und immer noch nicht gewusst, was das Richtige sei. Am Ende habe er als Guardian gesagt: Wir nehmen die Biotüte.
„Führung heißt: Niemand hat die Wahrheit gefressen. Aber ich habe die Aufgabe, dass etwas getan wird. Also tun wir es jetzt mal so – auch wenn ich nicht weiß, ob es richtig ist.“
Was bleibt, was kommt
Sehen Sie Hoffnung, dass das Ordensleben in neuer Form wieder aufbricht? — In Frankreich ließen sich so viele Menschen taufen wie nie zuvor, berichtet Bruder Paulus. Die katholische Kirche wachse weltweit. Und Franz von Assisi habe es auch nicht gewusst, wie er es machen solle. Nach zehn Jahren seien es Männer gewesen, die ganz Europa begeistert hätten.
Er sei voller Hoffnung. Aber seine Hoffnung bestehe nicht darin, dass etwas so werde wie früher. Schon gar nicht die Formen der Klöster. „Das Ordensleben hat eine Zukunft, weil es natürlich von Gott her gedacht ist als eine besondere Verwirklichungsform seines Traumes, dass Menschen doch miteinander leben können – wenn jemand auf seinen Besitz verzichtet.“
Das ist eine hohe Hürde. — Wie Gott es getan habe, als er Mensch wurde, antwortet Bruder Paulus. Auf seinen Besitz, seinen Himmel verzichtet und ein Stück Erde angenommen habe. „Das hat mich immer schon fasziniert – diese Demut Gottes. Daraus wird immer Neues wachsen. Immer.“
Dann lächelt er. Er habe versucht, möglichst authentisch Auskunft zu geben über das, wie es ihm ums Herz sei. Er müsse jetzt zum Beichtdienst.