Begegnungen
Begegnungen, die nicht -gesucht sind – und gerade deshalb bleiben.
Als Barlachs Bettler 2007 in der dem Dom entferntest gelegenen Ecke des Kreuzgangs enthüllt wurde, empfand ich das als eine kleine Sensation, hatte ich den verehrten Künstler doch immer eher der evangelischen Welt zugeordnet.
Da steht sie nun, diese Skulptur, der man das Leid ansieht und ohne den ganzen Glanz, mit dem viele Orte im Dom über die Jahrhunderte ausgeschmückt wurden. Und sie steht mitnichten in der Ecke, sondern an einem Umlenkpunkt der beiden offenen Kreuzgangflügel mit Blick zum westlichen Querschiff und weiter zum Paradies. Die Annäherung aus dem Kirchenschiff findet schon bei geschlossener Pforte statt, durch ein Astloch im eichenen Türblatt.
Von Osten kommend präsentiert sich der auf Krücken gestützte Bettler über eine lange Strecke im Profil. Da bleibt Raum für manchen Gedanken. Als in den Jahren 2010 bis 2013 die große Domsanierung begann, wurde der Dom für die Öffentlichkeit geschlossen, lediglich die an der Maßnahme Beteiligten erhielten Zugang. Der Bettler blieb, wo er war, eingehüllt in eine dünne Folie. Für uns ‚vom Bau‘ immer erkennbar und immer präsent. Als die drei in der alten Bischofsgruft des Westwerks bestatteten Bischöfe für den Umbau in der Marienkapelle aufgebahrt wurden, hielt er gleichsam die Ehrenwache. Und als kurz nach der Wiederöffnung des Doms 2013 Bischof Reinhard Lettmann verstarb und ebenfalls in der Kapelle am Kreuzgang aufgebahrt wurde, erstrahlte die Skulptur schon wieder im alten Glanz. Sie ist seitdem immer wieder mein erster Anlaufpunkt, wenn ich den Dom besuche. Das Motiv des Kreuzgangs ist auch immer wieder in der zeitgenössischen Architektur zu finden, so bei Max Dudler in seinen Bauten für die Diözesanbibliothek und das Priesterseminar an der Überwasserkirche, hier als Reminiszenz an das frühere Kloster. Integriert in das Erschließungssystem zwischen Alt- und Neubauten schafft der neue Kreuzgang mit seinen offenen und geschlossenen Flügeln einen beliebten Ort der Stille im innerstädtischen Raum.
Und auch Jørn Utzon, der Architekt der Oper in Sydney, wählte das Motiv für sein Privathaus auf Mallorca, um dem Domizil einen Rahmen für die dramatische Küste zu geben und einen unverwechselbaren Ort der Begegnung zu schaffen.