Der Bettler im Kreuzgang
Er steht am Rand. Nicht in der Mitte des Kreuzgangs, nicht auf einem Podest, nicht erhöht. Ernst Barlachs „Bettler“ steht dort, wo Bettler stehen: am Weg. Wer durch den Kreuzgang des St.-Paulus-Doms geht, muss an ihm vorbei. Oder man bleibt stehen. 2,17 Meter Bronze. Ein Mann, die Hände ausgestreckt, den Kopf leicht gehoben, die Augen geschlossen oder nach innen gerichtet – man weiß es nicht genau. Er bittet. Aber worum?
Die Geschichte dieser Figur beginnt 1930 in Lübeck
Ernst Barlach, damals sechzig Jahre alt, einer der bedeutendsten Bildhauer seiner Generation, erhält einen Auftrag: einen Figurenzyklus für die Westfassade der Katharinenkirche. „Gemeinschaft der Heiligen” soll er heißen. Barlach entwirft neun Figuren – keine konventionellen Heiligen, sondern Menschen: eine Frau im Wind, ein Sänger, ein Bettler. Die Figuren werden aufgestellt. Und sofort beginnt der Widerstand. Zu expressiv, sagen die einen. Zu hässlich. Zu wenig erhebend. Ist das christliche Kunst? Ist das überhaupt Kunst?
1933 kommen die Nationalsozialisten an die Macht. 1936 wird Barlach mit Ausstellungsverbot belegt. 1937 werden fast 400 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt – als „entartete Kunst“. Die Lübecker Figuren werden abgenommen, versteckt, vergessen.
Am 24. Oktober 1938 stirbt Ernst Barlach in Rostock. Er hat den Krieg nicht erlebt. Aber er hat gewusst, was kommt.
1947 werden die Figuren wieder aufgestellt
Erst provisorisch, dann dauerhaft. Die Katharinenkirche in Lübeck zeigt sie bis heute. Aber Barlach hatte Modelle hinterlassen – Gipsformen, von denen Abgüsse gemacht werden konnten.
1979 und 1980 entstehen acht Bronzegüsse des „Bettlers”. Einer davon steht zunächst in der St.-Laurentius-Kirche in Herne. Dann, 2007, kommt er nach Münster.
Pfarrer Franz Josef Hoffmann stiftet die Skulptur dem Dom. Er will, dass sie öffentlich zugänglich ist. Nicht in einem Museum, nicht in einer Sammlung – sondern dort, wo Menschen vorbeigehen. Im Kreuzgang.
Warum der Kreuzgang?
Ein Kreuzgang ist kein Ausstellungsraum. Er ist ein Durchgang. Man kommt aus der Kirche und geht ins Refektorium. Man kommt aus dem Dormitorium und geht in den Kapitelsaal. Der Kreuzgang verbindet, aber er ist selbst kein Ziel.
Oder doch? Wer je durch einen Kreuzgang gegangen ist – langsam, bei Regen, wenn das Licht durch die Arkaden fällt –, weiß, dass dieser Raum etwas tut. Er verlangsamt. Er öffnet. Er lässt Zeit für das, was zwischen den Räumen liegt. Der Bettler steht in diesem Zwischenraum.
Er steht nicht in der Kirche, wo man betet. Nicht im Kapitelsaal, wo man entscheidet. Nicht im Refektorium, wo man isst. Er steht dort, wo man durchgeht. Wo man – vielleicht – einen Moment innehält.
Domkustos Udo Grote nennt die Skulptur „eine qualitätsvolle Darstellung menschlichen Leids”. Das ist richtig. Aber es ist nicht alles.
Barlach war 1906 nach Russland gereist.
Er sah dort Armut, wie er sie in Deutschland nicht kannte. Bauern, die nichts hatten. Bettler, die am Straßenrand saßen. Menschen, deren Gesichter er nie vergaß.
Zehn Jahre später: der Erste Weltkrieg. Barlach, anfangs noch patriotisch bewegt, wird Zeuge dessen, was der Krieg aus Menschen macht. Seine Kunst verändert sich. Sie wird stiller, schwerer, eindringlicher.
Der Bettler von 1930 trägt beides in sich: die russischen Bauern und die Kriegsversehrten. Die Not, die man sieht, und die Not, die man nicht sieht. Die ausgestreckten Hände und die geschlossenen Augen.
Im Kreuzgang des Doms zu Münster steht diese Figur jetzt seit achtzehn Jahren
Jeden Tag gehen Menschen an ihr vorbei. Touristen, die den Dom besichtigen. Gläubige, die zur Messe gehen. Schulklassen, die durch die Stadt geführt werden. Die meisten gehen weiter. Manche bleiben stehen.
Was sehen sie? Einen Bettler, der bittet. Einen Menschen, der leidet. Eine Skulptur, die „entartet” genannt wurde und überlebt hat. Einen Mann, der am Rand steht – und genau deshalb im Zentrum.
Der Kreuzgang als Übergang
Das ist das Thema dieser Ausgabe von AUFRECHT. Zwischen Gründung und Aufbruch. Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Zwischen dem, was war, und dem, was werden soll.
Barlachs Bettler passt in diesen Raum, weil er selbst ein Übergang ist. Er steht zwischen den Welten: zwischen Armut und Würde, zwischen Bitte und Anklage, zwischen dem Körper, der leidet, und dem Geist, der nach oben schaut.
Er fordert nichts. Er erklärt nichts. Er steht einfach da.
Und wer stehen bleibt, muss sich fragen: Wer ist hier eigentlich der Bettler? Wer bittet? Und worum?
Eine letzte Geschichte
Als die Nationalsozialisten 1937 Barlachs Werke aus den Museen entfernten, schrieben sie in ihre Listen: „entartet”. Das Wort sollte vernichten. Es sollte sagen: Das gehört nicht zu uns. Das ist nicht deutsch. Das ist nicht schön. Das ist nicht würdig.
Achtzig Jahre später steht eine dieser Figuren im Kreuzgang des Doms zu Münster. In einer Stadt, die sich „Stadt des Friedens” nennt, weil hier 1648 der Dreißigjährige Krieg beendet wurde. In einer Stadt, die sich „Stadt des Rechts” nennt, weil hier Gerichte tagen und Juristen ausgebildet werden.
In dieser Stadt steht ein Bettler. Nicht als Mahnmal. Nicht als Denkmal. Sondern als Frage. Wer durch den Kreuzgang geht, geht an ihm vorbei. Oder man bleibt stehen.