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Das Klarissenkloster an der Scharnhorststraße – von der Klausur zum Bürogebäude Ein Büro auf historischem Grund

Das Klarissenkloster an der Scharnhorststraße – von der Klausur zum Bürogebäude Ein Büro auf historischem Grund
Über einen Ort, an dem einst Klassen lebten - und an dem später eine Kanzlei einzog (Foto: Maxime P. Lindenbaum)

Im Juni 2007 eröffnete Koenen Bauanwälte ihren zweiten Standort an der Scharnhorststraße, Ecke Weseler Straße. Ein moderner Bau, funktional, hell. Hier wurde gearbeitet, wurden Mandanten empfangen, Verträge entworfen, Prozesse vorbereitet.
Harald Deilmann, der große Münsteraner Architekt, hatte für den Eröffnungsabend spontan zugesagt. Er sprach über Planung und Umsetzung zentraler innerstädtischer Bauprojekte – aus der Erinnerung eines Mannes, der die Stadt mitgebaut hatte.
Es war einer seiner letzten öffentlichen Auftritte. Am 1. Januar 2008 starb er. Dort, wo unser Bürogebäude stand, war bis Anfang des 21. Jahrhunderts ein Kloster: das Klarissenkloster. Das war uns damals durchaus bewusst. Was es bedeutete, haben wir damals noch nicht ganz verstanden.

Die Geschichte

Das erste Klarissenkloster in Münster entstand 1617 an der Stubengasse nahe der Stadtmauer. Die Klarissen – benannt nach der heiligen Klara von Assisi, Gefährtin des Franziskus – lebten nach einer Regel, die wenig ließ und viel verlangte: kein Privatbesitz, strenge Klausur, das tägliche Leben strukturiert durch Gebet, Schweigen, Arbeit. Wer durch das Tor trat, ließ die Stadt zurück. Und doch: Für viele Frauen jener Zeit war das keine Einschränkung, sondern eine Wahl. Das Kloster bot, was die Welt nicht bot – kein Ehemann, keine Kindererziehung nach fremdem Willen, sondern ein Leben in Gemeinschaft, in Bildung, in einer Form von Autonomie, die außerhalb der Klostermauern kaum denkbar war. 33 Schwestern zählte das Kloster 1802 – der größte weibliche Konvent Münsters. Dann kam Napoleon. 1811, Münster war längst Teil des französischen Kaiserreichs, wurde das Kloster im Zuge der Säkularisation aufgelöst. Die Schwestern wurden vertrieben, das Mobiliar versteigert, die Gebäude in staatliche Hand überführt. Was Jahrhunderte gedauert hatte, war in wenigen Wochen abgewickelt.
Die Geschichte hätte hier enden können. Aber 1857 kehrten Klarissen nach Münster zurück. 1864 errichteten sie einen Neubau an der Scharnhorststraße – der alte Standort war durch die Nähe zu einer Kaserne ungeeignet geworden, ein Zeichen jener Zeit, in der Militär und Kloster nicht mehr nebeneinander dachten.
Das neue Kloster überstand die NS-Zeit – die Schwestern leisteten „kriegswichtige“ Arbeiten, ein euphemistisches Wort für das, was es war: Überleben durch Anpassung. 1943/44 Bombentreffer.
Zwischen 1948 und 1954 mühsamer Wiederaufbau. Und dann, nach fast 140 Jahren an diesem Standort, das Ende: 2001 verließen die letzten Schwestern das Kloster. Zu wenige, zu alt, keine Nachfolge. In den 2010er Jahren folgte der Abriss.
Heute erinnert eine eingemauerte Pforteninschrift an das, was hier war. Wer sie nicht kennt, geht daran vorbei.


Was bleibt, wenn 
ein Ort verschwindet

Gewonnen hat die Stadt Wohnraum, Infrastruktur, eine funktionierende Stadtachse. Das ist nicht wenig. Der „Wohnpark Vischering“, der auf dem Areal entstand, ist kein schlechtes Quartier. Menschen leben darin. Das Viertel funktioniert.

1802 zählte das Kloster 33 Schwestern – der größte weibliche Konvent Münsters.


Verloren hat die Stadt etwas schwerer Benennbares. Nicht das Gebäude – Gebäude vergehen. Verloren ist der Gedächtnisort. Die Schichtung. Das Wissen, dass hier über Jahrhunderte Frauen lebten, beteten, arbeiteten, stritten, starben – und dass dieser Ort dadurch eine Tiefe hatte, die Quadratmeter nicht messen.
Heute wissen selbst Anwohner meist nicht, dass dort ein Kloster stand. Die Stadt hat das vergessen, geräuschlos, ohne Entscheidung, einfach durch den Lauf der Dinge. Und das ist vielleicht das Eigentliche: nicht der Abriss, sondern das Vergessen danach. Städte können nicht alle Schichten bewahren. Aber sie können entscheiden, welche Schichten sie erinnern.

Das einzige, was von dem Klarissenkloster übrig geblieben ist: eine steinerne Innenschrift in der Mauer (Foto: Maxime P. Lindenbaum)


Nachklang

Die Geschichte der Geschichte eines Ortes verändert dessen Wahrnehmung. Es ist die Chance, anders über Räume nachzudenken: nicht nur als Fläche, als Mietvertrag, als Quadratmeter – sondern als Orte, die etwas tragen, auch wenn man es nicht sieht.
Harald Deilmann hat die Stadt mitgebaut – Schulen, Bibliotheken, Verwaltungsgebäude, das Stadttheater. Er hat Räume hinterlassen, die Menschen noch heute benutzen, ohne seinen Namen zu kennen. Die Klarissen haben einen anderen Raum hinterlassen: keinen, den man betreten kann, sondern einen, den man nur noch erahnt.
Beide haben etwas gebaut. Beides ist fast verschwunden. Wer weiß, was an einem Ort war, sieht nicht nur das Gebäude, sondern die Zeit dahinter.
Es geht nicht darum, Klöster zurückzubringen. Es geht darum, dass es Orte geben muss, die in hundert Jahren noch tragen und Tradition nicht als Last, sondern als Auftrag verstehen.