Das Gedächtnis bebeteter Mauern
Ein Gespräch mit Ulrike Rose und Paula Oster darüber, was Klöster zu -besonderen Orten macht – und was auf dem Spiel steht, wenn sie verschwinden.
Seit Jahren begleiten Ulrike Rose und Paula Oster Ordensgemeinschaften dabei, ihre Klöster in eine Zukunft zu führen, die noch niemand kennt. Sie kommen aus der Baukultur, nicht aus der Theologie – und genau das verändert die Fragen, die sie stellen.
Wer ein Kloster betritt, merkt es sofort: Die Schritte werden langsamer, die Stimme leiser, der Blick genauer. Man werde andächtig, sagt Paula Oster, merke sofort, dass hier andere Regeln gelten. Man schaue genauer hin, spreche gedämpfter. Der Raum verändert einen, noch bevor man ihn begreift.
Der Philosoph Michel Foucault hat für solche Orte einen Namen: Heterotopien – »Andere Orte«. Es sind reale Räume innerhalb einer Gesellschaft, die nach eigenen Regeln funktionieren, mit einer eigenen Zeit, einer eigenen Logik, einer spürbaren Schwelle. Klöster, Friedhöfe, Gärten – Orte, die das gesellschaftliche Normale spiegeln und zugleich unterlaufen, die eine Dichte an Beziehung, Geschichte und Bedeutung tragen, die man nicht einfach wegräumen kann. Man muss kein Gläubiger sein, um das zu spüren. Man muss nur eintreten.
Wie anders das ist, wird deutlich, wenn man Foucaults Begriff neben den des Ethnologen Marc Augé hält: den »Nicht-Ort«. Flughäfen, Autobahnen, Einkaufszentren – Räume ohne Gedächtnis, ohne Identität, ohne Beziehung, an denen Menschen anonym nebeneinander existieren, ohne eine gemeinsame Geschichte zu teilen oder zu schaffen. Orte, die Einsamkeit und Gleichförmigkeit erzeugen. Das Gegenteil eines Klosters, in jeder Hinsicht. Und doch stehen viele dieser Anderen Orte vor dem Ende. Ulrike Rose und Paula Oster beobachten diese Entwicklung seit Jahren aus nächster Nähe.

Räume mit Gedächtnis
Rose und Oster führen gemeinsam das Beratungsbüro »kulturräume gestalten« – spezialisiert auf herausragende Bestandsgebäude und die Entwicklung zeitgenössischer Nutzungs- und Betriebskonzepte für Klöster und Abteien, von der Abtei St. Hildegard im Rheingau über Schloss Zinneberg in Oberbayern bis zum Ordenshaus Nymphenburg in München. Dazu kommt der gemeinnützige Verein »Zukunft Kulturraum Kloster e.V.«, den Rose 2020 gegründet hat. Ulrike Rose wohnt selbst in einem Kloster. Das Kloster Schlehdorf am Kochelsee, ein ehemaliges Augustiner-Chorherrenstift von 1725, gehört heute einer Münchner Wohnungsbaugenossenschaft; Rose hat die Konzeption für das Cohaus Kloster Schlehdorf erarbeitet und lebt dort seither. Sie lebt, was sie berät. Was sie dabei verhandeln, ist mehr als Architektur. »Ein Gebäude ist mehr als nur Stein auf Stein«, sagt Rose. »Es lebt von seiner Geschichte. Es strahlt aus.« Gerade Sakralbauten tragen ein Gedächtnis in sich, das sich in Kapellen, Refektorien, Klosterzellen und den Spuren gemeinsamen Lebens über Jahrhunderte sedimentiert hat – mit vielen sakralen Objekten, die nicht einfach ausgelagert werden können, teils rechtlich nicht dürfen, und die dem Ort sein Gedächtnis erhalten, auch wenn die Menschen, die es geschaffen haben, längst gegangen sind.
Und doch stehen viele dieser Orte vor dem Ende. Das Forschungsprojekt »Obsolete Stadt« hat untersucht, wie strukturelle Megatrends ganze Gebäudetypologien funktionslos werden lassen.
Einen dieser Trends beschreibt das Projekt als »Religiositätswandel«: den schleichenden Rückzug institutioneller Religion aus dem Alltag westlicher Gesellschaften, der nicht nur Kirchenbänke leer lässt, sondern ganze Klosterkomplexe, die über Jahrhunderte als Anker für das Leben ganzer Regionen und Dörfer dienten, z.B. als Bildungsträger, Pflegeeinrichtung, spiritueller Mittelpunkt, manchmal auch als einziger öffentlicher Raum weit und breit. Wenn diese Häuser leer werden, verliert nicht nur ein Gebäude seine Funktion. Ein Ort verliert seinen Kern.
Das Auratische kann verblassen
Eine Heterotopie bleibt sie immer – aber ihr Auratisches kann beschädigt werden. Rose und Oster haben das in ihrer Arbeit oft genug erlebt. Rose erzählt von Gewölben, die abgehängt wurden, von historischen Böden, die unter Laminaten verschwanden, von Stuck hinter Rigipsplatten – plötzlich entkernt, überdeckt, abgehängt. Der Denkmalschutz existiert in Deutschland seit rund fünfzig Jahren, und trotzdem sind so manche Eingriffe vorgenommen worden, die sich nicht immer rückgängig machen lassen.
Noch gravierender wird es, wenn ein neuer Betreiber die Aura eines Ortes vorrangig als wirtschaftliches Kapital begreift – wenn er ein Kloster wegen seines Charmes übernimmt, die Atmosphäre nutzt, aber nicht behutsam mit dem Gebäude und seiner Bedeutung für den Ort und die Region umgeht, bis das Besondere verblasst ist und nur noch eine Hülle übrigbleibt. Das kulturelle Gedächtnis des Ortes bleibt, es lässt sich nicht löschen. Aber es kann verstummen, wenn niemand mehr darauf hört.
»Man kann das Auratische eines Klosters auch zerstören. Es ist nicht unkaputtbar. Es ist die Aufgabe der Nachnutzenden, das in Ehren zu halten, was diesen Klöstern inhärent ist und nicht einfach die auratische Energie zu Geld zu machen, bis nichts mehr davon übrig ist.« Paula Oster
Erst Nutzung, dann Planung
Die Arbeit von Rose und Oster beginnt oft mit einer bestimmten Beobachtung: Nicht selten kommen sie in Häuser, in denen bereits Architektenpläne in der Schublade liegen, detailliert, durchdacht, teuer, aber noch niemand gefunden wurde, der das Kloster später tatsächlich betreiben will. Das Konzept steht. Die Machenden, für die es gedacht wurde, fehlen noch. Und die falschen Akteure können aus einem Ort mit Gedächtnis einen Ort machen, in dem dieses Gedächtnis nicht mehr gehört wird.
Deshalb beraten Rose und Oster bereits ab der sogenannten Phase Null – in jener Zeit, bevor überhaupt entworfen wird. Ihre Frage lautet nicht: Was bauen wir? Sondern: Was soll hier entstehen? Für wen? Mit wem? Bei der Abtei St. Hildegard im Rheingau etwa erarbeiteten sie zunächst gemeinsam mit den Benediktinerinnen deren Vorstellungen zur künftigen Nutzung des Geländes, bevor Interessierte eingeladen wurden. Ihr Ansatz geht von einem Matching aus, bei dem auf der einen Seite freiwerdende Räume stehen und auf der anderen Seite Bedarfe der Ordensgemeinschaft und in der Region, und bei dem es darauf ankommt, beides so zusammenzuführen, dass das Gedächtnis und Vermächtnis des Ortes nicht dabei verloren gehen.

Am anderen Ende des Transformationsprozesses steht die sogenannte Phase Zehn; die Auswertung nach dem Einzug, die Frage, ob das, was geplant wurde, auch wirklich gelebt werden kann: ob die Küche optimal positioniert ist, ob die Dämmung einen Raum nicht nur thermisch, sondern auch atmosphärisch verändert hat. Nach dem Einzug ziehen sich normalerweise alle zurück – der Architekt hat geliefert, der Bauherr hat übergeben. Niemand fragt mehr, wie es sich wirklich lebt. »Solche Gespräche finden oft nicht statt«, sagt Oster und erinnert dabei an Neubauwohnungen ohne Abstellkammer, weil die Bewohner nach Fertigstellung nicht gefragt wurden.
»Wir finden oft teure Architekturkonzepte vor, aber keine Betreibende. Das hilft einer Ordensgemeinschaft nicht weiter.« Ulrike Rose
Was stirbt, wenn ein Kloster schließt?
»Das ist, wie wenn eine Dynastie ausstirbt«, sagt Oster – und meint damit nicht nur das Ende einer Institution, sondern das Ende einer Identität. Für die Ordensschwestern und -brüder ist das Kloster nicht Arbeitsplatz oder Immobilie; es ist Gemeinschaft, Zuhause, der Ort, der sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Und nun merken viele von ihnen: Es gibt keinen Nachwuchs mehr, das Haus wird leerer. Was für die Gemeinschaft ein tief emotionaler Prozess ist – das Loslassen, das langsame Abschiednehmen – schlägt sich zugleich in sehr konkreten planerischen Fragen nieder: Wie viele Schwestern oder Brüder werden noch wie lange wo im Haus leben? Welche Bereiche können wann in eine neue Nutzung überführt werden?
Rose und Oster versuchen, diesen Übergang so zu gestalten, dass die Klosterbewohnerinnen und -bewohner ihn würdevoll begleiten können. Bei den Oberzeller Franziskanerinnen in Würzburg leitete Rose von 2020 bis 2022 die Kommission für Häuser, Liegenschaften und Einrichtungen und entwickelte gemeinsam mit den Schwestern rechtzeitig Vorschläge für nachhaltige Nutzungen – so, dass niemand am Ende seines Lebens den Ort verlassen muss, der dieses Leben getragen hat.
Was aber verschwindet, wenn ein Kloster schließt, ist mehr als eine Ordensgemeinschaft. Es verschwindet ein Modell von Gemeinschaft, das unserer Gesellschaft, sagt Oster, mehr zu sagen hat, als man gemeinhin annimmt. Unsere Städte und Wohnformen seien heute auf Kleinsteinheiten wie Kernfamilien und Singlehaushalte ausgerichtet, während die Sehnsucht nach echtem Miteinander wächst. Dabei war es über Jahrhunderte selbstverständlich, dass Menschen in größeren Verbünden lebten – arbeitsteilig, aufeinander bezogen, füreinander da.
Oster beschreibt das mit einem Bild, das sie in Klöstern immer wieder beobachtet: Eine räumt den Tisch ab, damit die andere pünktlich zum Gebet gehen kann. Wer einen Brief hat, legt ihn in ein Körbchen; eine sammelt sie ein, frankiert sie, bringt sie zur Post. Nicht nur Arbeitsteilung, sondern kleine Gesten, die zeigen, was es bedeutet, füreinander da zu sein. »Dass jede von uns all diese Schritte immer wieder alleine macht, ist gesamtgesellschaftlich gesehen extrem ineffizient«, sagt sie und meint damit nicht nur die Ökonomie des Alltags, sondern auch das, was Rose »Demokratie im ganz Kleinen« nennt: die Fähigkeit, sich miteinander auseinanderzusetzen, mit unterschiedlichen Meinungen umzugehen, gemeinsam zu entscheiden. »Das sind alles Dinge, die wir schon etwas verlernt haben.«
Klöster sind also auch Orte, in denen eine Dichte an Beziehung und Bedeutung vorherrscht, die unserer Gesellschaft etwas zeigen könnte, wenn wir bereit wären hinzusehen, bevor sie sang- und klanglos verschwinden.
Der lange Atem
Wer ein leerstehendes Kloster übernehmen möchte, braucht vor allem zwei Dinge: einen sehr langen Atem und ausreichend Geld. Allein die Genehmigungsverfahren – Flächennutzungsplan, Brandschutzkonzept, denkmalrechtliche Genehmigung, die oft in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen – können Jahre dauern, bevor der erste Stein bewegt wird. »Unerfahrene Gemeinschaften können wir nur warnen« sagt Rose, wenn sich alternative Wohngruppen bei ihr melden, die von einem Kloster träumen, ohne zu wissen, worauf sie sich einlassen.
Hinzu kommt ein strukturelles Finanzierungsproblem. Frauenkongregationen päpstlichen Rechts, auf die Rose und Oster sich spezialisiert haben, sind von ihrem Bistum vollständig unabhängig. Klöster erhalten keinerlei Mittel aus der Kirchensteuer; sie haben stets autark gewirtschaftet.
Gleichzeitig beschreibt Oster ein Wahrnehmungsparadox: Die Bereitschaft, für den Erhalt von Sakralgebäuden öffentliche Mittel bereitzustellen, sei strukturell begrenzt, weil Klöster in der öffentlichen Wahrnehmung mit einer Kirche assoziiert werden, die als finanzstark gilt – obwohl die betroffenen Gemeinschaften von genau diesen Mitteln nicht profitieren.
Rose ergänzt eine weitere Dimension: Bevor neu gebaut wird, möge man schauen, was schon vorhanden ist. In historischen Klostergebäuden steckt eine enorme Menge Ressourcen, Baufachleute sprechen in diesen Zusammenhang von „grauer Energie“, also jener Energie, die einst für Gewinnung, Transport und Verarbeitung der Baustoffe aufgewendet wurde und die für einen Neubau erneut anfiele, verbunden mit erneutem CO2-Ausstoß, den sich unsere Gesellschaft aus klimatischen Gründen kaum noch leisten können wird. »Insbesondere wenn die städtischen Klöster leerer werden«, sagt Rose, »wäre es für unsere Gesellschaft ein Gewinn, wenn statt Neubau bezahlbarer Wohnraum entstehen könnte.«
Was es strukturell brauche, sagen Rose und Oster, sei eine Transformationsstelle auf Länder-, vielleicht auf Bundesebene, die Nutzungskonzepte, Betreibernetzwerke und übertragbare Best-Practice-Beispiele bündelt. Die Umnutzung von Klöstern ist in Deutschland noch nicht erlernt, weder in den Bauämtern noch in den Landratsämtern, und jedes Projekt beginnt noch immer fast bei null.
Bebetete Räume
Am Ende kehrt das Gespräch zurück zur Frage, was diese Orte eigentlich sind und was verloren geht, wenn sie verschwinden.
»Klöster sind bebetete Räume«, sagt Rose, und das sei noch einmal etwas ganz anderes als die verlassenen Sanatorien und stillgelegten Bahnhöfe dieser Welt, die auch ihre Aura hätten, ihre melancholische Schönheit. Bei Klöstern gehe das tiefer: Hier wurde Wissen weitergegeben und Schrift vervielfältigt, hier lebten Menschen, die in Armut, Keuschheit und Gehorsam eine Lebensform wählten, die das, was draußen als selbstverständlich galt, bewusst hinter sich ließ. Das hinterlässt etwas in den Wänden, das tiefer sitzt als jede neue Nutzung. Und Klöster sind vielleicht der Inbegriff des Anderen Ortes. Nicht zufällig – sie wurden so gebaut, so gedacht, so gelebt. Wie Museen, Bibliotheken oder Friedhöfe gehören sie zu jenen Räumen, in denen Zeit sich nicht verflüchtigt, sondern schichtet: Epoche über Epoche, wie Sediment auf Sediment, bis manche Orte so viel Zeit gesammelt haben, dass sie selbst zur Geschichte werden (Foucault nannte dies „Heterochronie“ – eine weitere Eigenschaft der Heterotopien). Das Gedächtnis bebeteter Mauern entsteht aus genau dieser Anhäufung. Es ist tief, es ist dicht, und es lässt sich kaum auslöschen, selbst dann nicht, wenn nur noch Ruinen übrig sind.
Umso schärfer erscheint der Kontrast, den Oster beschreibt: das Gefühl, das ein Nicht-Ort in ihr auslöst – etwas Anarchisches in der Aura solcher Orte, eine Einladung zur Regellosigkeit, eine Leere, die nach Beliebigkeit ruft. Ein Kloster ist genau das Gegenteil. Es lasse einen andächtig werden, man merke sofort, dass hier etwas gilt, das sich nicht umgehen lässt. Nicht eine Regel, die jemand aufgestellt hat. Eine Regel, die der Raum selbst trägt.
Rose und Oster setzen sich dafür ein, dass Klöster so lange wie möglich das bleiben, was sie sind und dass auch dort, wo die Ordensschwestern eines Tages gegangen sind, keine beliebige Nutzung einzieht, sondern ein Ort, der seine Geschichte trägt und weiterschreibt. Dafür steht ihr Büro »kulturräume gestalten« und der Verein »Zukunft Kulturraum Kloster e.V.«, der sich für das baukulturelle und immaterielle Erbe von Ordensgemeinschaften einsetzt. Damit das Gedächtnis bebeteter Mauern noch lange nachhallt – auch dann noch, wenn sie bereits in die Zukunft überführt worden sind.