Das Ende der Ausreden: Interview mit Peter Jeitschko
Peter Jeitschko baut KI dort ein, wo andere noch über sie reden. Der Wiener ist Mitgründer von Anton Alpha, nach eigener Beschreibung Österreichs erstem KI-Portfolio-Unternehmen: drei Gründer, eine Reihe spezialisierter KI-Agenten, Produkte für Berufsgeheimnisträger – Kanzleihelfer.ai macht aus Diktaten formatierte Schriftsätze, Arztbrief.ai strukturiert Arztbriefe, JetHire.ai gleicht Lebensläufe mit Stellenprofilen ab. Davor: ein Vierteljahrhundert Enterprise-IT bei IBM, Oracle und Microsoft. Jeitschko ist kein Jurist. Genau deshalb steht er in diesem Kreuzgarten: als der Umsetzer, der von außen sieht, was innen geschieht. Sein Satz vom „Ende der Ausreden“ steht an anderer Stelle dieses Hefts – hier wird dahinter gefragt. Wir sprechen am frühen Morgen, halb sieben, per Video zwischen Münster und Wien. Kennengelernt haben wir uns auf einem Retreat auf Mallorca; das Du ist geblieben.
Peter, auf deiner Website steht ein Satz, der als Motto über dieser ganzen Ausgabe stehen könnte: „Weniger Administration. Mehr Mensch.“ Ich fange mit einer unbequemen Frage an: Ist „mehr Mensch“ das, was deine Kunden bei dir bestellen – oder bestellen sie in Wahrheit „weniger Personal“, und der Mensch ist das Marketing?
Ganz ehrlich? Es ist eigentlich weniger Personal. Die meisten kommen zuallererst wegen des Effizienzgedankens: schneller, besser, günstiger. Was ich schade finde. Ich habe ein Werkzeug entwickelt, das Lebensläufe mit Kandidatenprofilen abgleicht. Die Idee dahinter ist wirklich, dass der Recruiter sich das Lesen erspart und mehr Zeit für Menschen bleibt – dass man sich empathisch mit der Frage auseinandersetzen kann, wer für eine Rolle tatsächlich geeignet ist. Wir hatten gerade den Fall eines Staatsunternehmens: zweitausend Bewerbungen auf eine einzige Stelle, und da sitzt einer und muss sich alle zweitausend ansehen. Aber mit der Botschaft „mehr Mensch“ lässt sich so ein Produkt am Markt nicht verkaufen. Verkaufen kannst du es nur über Effizienz. Das finde ich schade – aber das ist meine KI-Realität. Die Frage, was übrig bleibt, auch von meiner eigenen Arbeit, stelle ich mir trotzdem. Mit meinen Mitgründern stelle ich sie ständig.
Woran erkennst du, ob eine KI-Einführung gelingt – an der Technik, am Chef oder an der Kultur?
An der Führung. KI ist ein Leadership-Thema, und wenn das nicht gelebt wird, kommt es bei den Leuten darunter nicht an. Ich berate mehrere Steuerberatungskanzleien und sehe den direkten Vergleich. Mit einem Steuerberater – wir kennen uns seit fünfunddreißig Jahren, wir sind zusammen in die Schule gegangen – habe ich mich vor gut drei Jahren hingesetzt und gesagt: Da kommt eine Technologie, die deine Buchhaltung ersetzen wird. Er hat gesagt: Ich verstehe es noch nicht ganz, aber ich vertraue dir. Der ist ins Risiko gegangen, ohne zu wissen, ob sich das Investment je rechnet. Am Anfang war das System schlecht, dann wurde es schnell besser. Heute liegt sein Automatisierungsgrad in den Buchhaltungsprozessen bei rund sechsundneunzig Prozent, und er kann trotz Fachkräftemangel ein Mehrfaches an Klienten betreuen. Das Gegenbild kenne ich auch: Da heißt es, wir müssen jetzt KI machen, dann gibt es zwei, drei Meetings und einen Workshop – und dann schläft es ein. Meist versteht dort die Führung die Technologie nicht, und zum Nichtverstehen gehört das Nichtverwenden. In Konzernen kommt dazu, was ich Beamten-Mikado nenne: Wer sich bewegt, hat verloren. Menschen, die sich im Status quo eingerichtet haben, werden brutal disruptiert werden. Und eines muss man ehrlich sagen, gegen den Hype: Es ist nicht ein Prompt und fertig. Es ist langsam, es ist mühsam, es ist eine Mammutaufgabe, eine Organisation mitzunehmen, die Prozesse zu verstehen, die Architektur aufzubauen. Es gibt viel Bullshit-Versprechen am Markt. Bei meinem Steuerberater war es eine Reise von drei Jahren.
Dein Satz „Wenn die KI eines ist, dann ist es das Ende der Ausreden“ steht in dieser Ausgabe. Jetzt will ich die Praxis dahinter: Welche Ausrede stirbt in deinen Projekten zuerst – und welche überlebt am hartnäckigsten?
„Viele in den beratenden Berufen denken: Die KI halluziniert, aber ich mache keine Falschberatung. Das ist eine Selbsttäuschung.“
Zuerst stirbt die beliebteste: „Die KI kann das nicht so gut wie der Mensch.“ Ich war als Gastdozent an einer Hochschule eingeladen, HR-Management. Die Professorin hatte den Studierenden eine echte Stellenanzeige mit zehn echten Bewerberprofilen als Hausarbeit gegeben: bewerten, reihen, einladen oder absagen. Jeder von ihnen hat eine Stunde daran gesessen. Ich habe denselben Fall in unsere KI gespielt – die Reihung war eins zu eins dieselbe, sogar die Begründungen, und es hat dreißig Sekunden gedauert. Da saßen die Studierenden und dachten: gut, aber was mache ich jetzt noch? Die zweite tote Ausrede ist die Zugänglichkeit. Vor ein paar Jahren hätte ich für vieles, was ich heute mache, ein komplettes Entwicklungsteam gebraucht. Heute sind wir zu dritt, entwickeln sechs Produkte, vertreiben sie, machen Marketing. Ich habe im Übrigen auch keine Ausrede mehr. Was bleibt, liegt in der physischen Welt. Alles, was Handwerk ist, wird eine Renaissance erleben – das empfehle ich übrigens auch, wenn mich Eltern fragen, was sie ihren Kindern raten sollen. Aber alles, was mit Text, Audio und strukturierten Daten zu tun hat, steht extrem unter Druck. Und da gehören Anwälte dazu. Die klassische Konzipienten-Tätigkeit, die vorbereitende Arbeit beim Anwalt, beim Steuerberater – da sehe ich keine Zukunft. Tatsächlich nicht.
Du hast mir von deinem eigenen Vertragsfall erzählt. Erzähl ihn noch einmal – und dann will ich wissen, was dein Anwalt eigentlich geleistet hat.
Es ging um eine offene Forderung gegen einen Konzern, unsere Leistung war unstrittig erbracht. Aber ich musste zweihundert Seiten Einkaufsbedingungen unterschreiben, historisch gewachsen, von Konzernjuristen verfasst – als Start-up nimmst du die an oder du machst kein Geschäft. Ich habe die gesamte Dokumentation des Falls in die KI gegeben: die Bedingungen, die Historie, das Verfahrensrecht. Und die KI hat mir gezeigt, wo ich aufpassen muss – welche Rücktrittsklauseln die Gegenseite hätte ziehen können, was ihre Strategie hätte sein können, um gar nicht über die Forderung zu streiten, sondern über den Vertrag selbst. In diese Tiefe einzusteigen, für meinen spezifischen Fall – das wäre mit einem Anwalt unfinanzierbar gewesen. Da hätte ich Stunden mit ihm gesessen, und er hätte selbst noch Stunden prüfen müssen. Weil die Sache über der österreichischen Grenze lag, ab der man anwaltlich vertreten sein muss, habe ich einen Anwalt mandatiert, jemanden aus meinem Netzwerk, dem ich vertraue. Der hat das Material bekommen und war, glaube ich, relativ verdutzt, wie gut das aufbereitet war. Er hat zwei Briefe geschrieben, ein paar E-Mails, einen Call mit dem Einkauf geführt und die Verzugszinsen und Kosten berechnet. Er war sehr kompetent, nett und freundlich. Aber mehr musste er nicht machen. Der Fall ist außergerichtlich gut ausgegangen.
Und wofür genau hast du seine Rechnung bezahlt?
Für die Prüfung. Für die Verantwortung. Dafür, dass jemand mit Namen und Haftung einsteht und mich formal vertritt. Das ist die Vertrauensfunktion, und die bleibt. Aber man muss auch ehrlich sein mit dem Maßstab: Auch wenn jemand etwas seit Jahren macht, kann ich nicht hundertprozentig sicher sein, richtig beraten zu werden. Menschen irren sich auch. Viele in den beratenden Berufen denken: Die KI halluziniert, aber ich mache keine Falschberatung. Das ist eine Selbsttäuschung.
Hattest du Angst bei der Sache?
Ja, logischerweise. Ich bin kein ausgebildeter Anwalt, und ich hatte Respekt vor der juristischen Komplexität. Aber Angst entsteht meistens dort, wo man etwas nicht kennt. Es ist wie beim ersten Sprung vom Dreimeterbrett: Vorher habe ich mich nicht getraut, danach habe ich nichts anderes mehr gemacht. Dieser Fall hat mir die Sicherheit gegeben, dass ich so etwas wieder KI-gestützt angehen würde. Jederzeit.
Ein Kollege hat mir kürzlich gesagt, es werde die Zeit kommen, in der man von Anwälten erwartet, dass sie KI benutzt haben – nicht als Erlaubnis, sondern als Frage der Sorgfalt. Hast du deine KI-Nutzung damals eigentlich offengelegt?
Meinem Anwalt ja, dem habe ich gesagt, dass die Vorbereitung mit KI entstanden ist. Der Gegenseite nicht. Verpflichtend ist es ja nicht. Ich glaube, das ist die Realität: Jeder nutzt es, und keiner sagt es. Und den Gedanken mit der Sorgfalt kann ich total nachvollziehen – wenn das Werkzeug nicht nur schneller ist, sondern Fehler vermeidet, dreht sich die Frage irgendwann um.
Die erste Ausgabe dieses Magazins hat das Bild vom Anwalt als Dirigent eingeführt: einer, der nicht jedes Instrument spielt, aber das Ganze verantwortet. Du führst KI in Organisationen ein. Bist du ein Dirigent?
Die Rolle des reinen Dirigenten wird nicht weiterexistieren. Der Dirigent muss mitspielen. Er muss zwei, drei Instrumente selbst beherrschen und zum Stück beitragen – wer das Ganze nur von der Metaebene aus begleitet, spürt die Technologie nicht, so wie ein Musiker die Musik spürt. Ich habe gerade einen Mittelstandskunden in Deutschland, der seinen Auftragseingang automatisieren will. Da setze ich mich in die Auftragsannahme dazu und gehe den Erfassungsprozess Schritt für Schritt durch. Wenn ich nur mit der Geschäftsleitung dirigieren würde, nähme ich die Leute nicht mit. Der Dirigent muss sich zu jedem Musiker dazusetzen. Und es kommt etwas hinzu: Wir orchestrieren längst nicht mehr nur Menschen. Wir haben selbst einen KI-Mitarbeiter im Produktmanagement, wir nennen ihn Boty – der trackt unsere Tickets, macht teilweise Medienproduktion, und auch ihm muss man genaue Anweisungen geben. Irgendwann stellt sich die Frage, ob nicht die KI selbst der Dirigent sein kann. Technisch ist da viel möglich. Ich finde das nicht uneingeschränkt positiv, das sage ich ganz ehrlich. Es macht auch ein bisschen Angst.
Die Forschung zeigt eine Zange: KI hebt Junioren auf Senior-Niveau – und zugleich brechen die Einstiegsjobs weg, in denen Erfahrung überhaupt entsteht. Was rätst du dem Fünfundfünfzigjährigen, der sein Erfahrungsmonopol verliert, und was dem Fünfundzwanzigjährigen, der die erste Sprosse nicht mehr findet?
Beiden dasselbe, so unbequem das ist: weg vom engen Spezialwissen. Das Spezialwissen kann die KI besser – das habe ich an meinem eigenen Vertragsfall erlebt. Was der Mensch noch sehr gut kann, ist der holistische Blick: Themen verbinden, vernetzen, kritisch denken. Früher gab es das Studium generale; so etwas wird extrem wichtig werden. Die Ära der Spezialisten ist vorbei – Softwareentwicklung, Webentwicklung, Anwälte, Steuerberater, Marketing, Content. Und der Skill, der jetzt zählt, ist ausgerechnet der, der im Bildungssystem bestraft wird: den Status quo infrage stellen. Ich war ein furchtbarer Schüler, weil ich immer nach dem Warum gefragt habe – in einem hierarchischen System bekommst du damit Probleme. Genau diese Frage ist jetzt die wichtigste. Interessant finde ich auch: Arbeitsweisen, die bisher als schwierig galten, werden wertvoll. Menschen, die schnell den Kontext wechseln und an zehn Dingen parallel arbeiten können – was lange als Konzentrationsschwäche abgetan wurde – sind in einer Umgebung mit mehreren KI-Agenten plötzlich hyperproduktiv.
„Verantwortung und Verlässlichkeit — das sind die menschlichen Währungen im KI-Zeitalter.“
Die These dieser Ausgabe lautet: Die robuste Grenze verläuft nicht zwischen strukturierter und unstrukturierter Arbeit, sondern bei Haftung und Verkörperung – Menschen folgen dem, der mit Namen und Gesicht einsteht. Du hast vor Trostzonen gewarnt; „das kann KI nie“ wurde schon oft widerlegt. Also ehrlich: Ist unsere Grenze belastbar – oder die nächste Trostzone?
Sie ist belastbar – aber nur unter einer Bedingung: dass du selbst tatsächlich etwas darstellst. Und wer stellt schon etwas dar? Das ist die kritische Frage dahinter. Ich habe in meinem Berufsleben großartige Persönlichkeiten kennengelernt, aber vieles war auch Mittelmaß, und ob da dieser oder jener Name draufsteht, wäre mir ehrlich gesagt egal. Und dann gibt es meinen Steuerberater. Der macht Fehler – ich weiß das, ich habe mich über manche sogar geärgert. Trotzdem gehe ich genau wegen ihm dorthin: weil er so konsistent in seinem Auftreten ist, so verlässlich, dass ich mich hundertprozentig auf ihn verlassen kann. Verlässlichkeit war für mich schon immer eine große Währung. Aber überleg dir einmal, wer wirklich verlässlich ist. Dazu gehören Werte, an denen man sich orientiert, Erziehung, Herzensbildung. Verantwortung und Verlässlichkeit – das sind die menschlichen Währungen im KI-Zeitalter. Wenn man sie hat.
Seit dem 2. August gilt die europäische KI-Verordnung für Hochrisiko-Systeme voll. Du giltst als Kritiker der KI-Regulierung. Was würdest du streichen, was behalten – und schützt Europa hier seine Bürger oder verwaltet es seinen Rückstand?
Vieles an der europäischen Datenregulierung stammt aus einer Denke des Vor-KI-Zeitalters. Ein Beispiel aus der KI-Verordnung selbst: die Pflicht, dass Mitarbeiter, die mit KI umgehen, angemessen geschult sein müssen – ohne dass es einen Standard oder ein Zertifikat gäbe, was das bedeutet. Solche Anforderungen bremsen Innovation und kosten Geld, und geschrieben werden sie unter starkem Einfluss großer Beratungs- und Technologieunternehmen, die davon leben. Zugleich, und das ist die andere Seite: Für uns als europäischen Softwarehersteller ist die Regelkonformität inzwischen ein Burggraben. Wer all das erfüllt, hat einen Schutzwall gegenüber Anbietern von außen, die erst durch dieses Regulierungstheater müssen. Wir versuchen, dieses Spiel clever zu spielen. Aber im Großen fürchte ich: Europa wird ein bisschen zum Disneyland – schön für Touristen, technologisch aufgerieben zwischen China und den USA. Ich war gerade auf einer internationalen Messe in Berlin, am chinesischen Stand, am indischen, am deutschen. Wenn du die nebeneinanderstellst, weißt du, warum die einen vorne sind. Das ist beängstigend. Und dabei geht es mir persönlich so gut wie nie: Ich habe mit Anfang fünfzig die spannendste berufliche Zeit meines Lebens. Aber ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der es nur mir gut geht. Ich bin Vater. Ich will nicht mit meiner Familie in einer Gated Community sitzen, während rundherum Arbeitslosigkeit und zerfallende Infrastruktur sind. Das sind meine Sorgen – nicht die Technologie.
Letzte Frage, und sie dreht deinen eigenen Satz um: Das Ende der Ausreden gilt ja auch für dich. Welche Ausrede hast du selbst zuletzt verloren?
Er denkt lange nach. Zum ersten Mal in diesem Gespräch dauert eine Antwort.
— Ich muss ehrlich sagen: Ich bin kein Typ für Ausreden. Ich bin manchmal faul, ich verschiebe Dinge, Prioritäten ändern sich. Aber Ausreden suche ich nicht. Du erinnerst dich an Mallorca: Du hast unsere App ausprobiert, und sie ist gescheitert – du hast ein Diktat verloren und warst sauer. Da gibt es für mich keine Ausrede. Das ist schlecht gelaufen, das müssen wir fixen, das haben wir gemacht. Verantwortung übernehmen, den Fehler anerkennen, nach vorne handeln – ich glaube, wenn am Ende etwas bleibt, das den Menschen unterscheidet, dann das. Und weißt du, was ich schön finde? Die KI nimmt uns auch da die Ausreden. Wenn jedes Meeting transkribiert ist, sieht man genau, wer was gesagt und was zugesagt hat. Das ganze Reframing, das Corporate-Sprech, das Abnicken – das ist vorbei. Es gibt nichts mehr, was man nicht aufdecken könnte. Für Leute wie mich ist das eine gute Nachricht.

Peter Jeitschko ist Mitgründer und CRO der Anton Alpha GmbH, Wien – nach eigener Beschreibung Österreichs erstem KI-Portfolio-Unternehmen. Mit drei Gründern und einer Reihe spezialisierter KI-Agenten automatisiert er Prozesse dort, wo Vertraulichkeit zählt: in Medizin, Recht und Personalwesen. Seine Produkte (u. a. Arztbrief.ai, Kanzleihelfer.ai, JetHire.ai) folgen einem Prinzip: compliance-konforme KI für Berufsgeheimnisträger auf europäischer Infrastruktur. Zuvor über 25 Jahre in der Enterprise-IT, u. a. bei IBM, Oracle und Microsoft.