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Waren die Features jemals das Feature?

Die technischen Köpfe von Sovereign im Büro am Roggenmarkt 1
Aus der Frühphase der Entwicklung (2025), im Büro von Sovereign am Roggenmarkt 1: die drei technischen Köpfe hinter Sovereign AI. Über die nächste Phase der juristischen KI entscheidet, wem sie gehört und wovon sie weiß — und das sitzt an solchen Tischen. (Foto: Andreas Löchte)

Im Frühjahr 2026 sind zwei Bewegungen zusammengekommen, die dieselbe Frage stellen. Am 12. Mai hat Anthropic, der Anbieter hinter Claude, zwölf juristische Plugins und mehr als zwanzig Konnektoren für seine Desktop-Anwendung Cowork vorgestellt. Auf der Folie der ersten Kunden standen u. a. Freshfields und Accenture.

Anthropic verschiebt sich damit vom Modellanbieter zum Plattformanbieter. Drei Schritte in zwölf Monaten. Im Februar 2025 erschien Claude Code, der Konkurrent zu Cursor und anderen KI-Entwicklungsumgebungen. Im April 2026 folgte Claude Design, ein Werkzeug zwischen Figma und Canva. Im Mai 2026 nun der Schritt in den juristischen Markt. Drei angrenzende Märkte, dreimal dieselbe Logik. Wer das Modell verkauft, verkauft am Ende auch die Anwendung.

Daneben steht Mike OSS. Eine Open-Source-Software, von einem Anwalt mit Hilfe von Claude Code entwickelt. Sie bildet die wichtigsten Funktionen der Legal-Tech-Giganten Harvey, Legora oder Libra ab. Der Quellcode liegt offen. Das Prinzip Bring your own model bedeutet, dass jeder sein bevorzugtes Sprachmodell von OpenAI, Anthropic oder Google anhängt.

Waren die Features jemals das Feature?

Was beide Bewegungen verbindet, ist die Auflösung einer Annahme. Wenn ein einzelner Anwalt die Funktionen einer milliardenbewerteten Software in zwei Wochen klont, und wenn der Modellanbieter selbst die Plattform liefert, ist nicht mehr die Funktion das Eigentliche. Es ist die Verankerung. In der Kanzlei. Und im Berufsrecht, das hier gilt.

Eine Frage drängt sich auf, die sich viele Anbieter aktuell stellen müssen. Waren die Funktionen jemals das eigentliche Feature? Beruht die Milliardenbewertung von Harvey wirklich auf einer Handvoll Funktionen, die in zwei Wochen nachgebaut werden können?

Mike OSS bietet, was auch die etablierten Anbieter haben: Chat-Funktion, tabellarische Auswertungen, vordefinierte Arbeitsabläufe, Dokumenten-Upload. Anthropic Cowork bietet im Wesentlichen dasselbe, eingebunden in Word, Excel und PowerPoint. Wenn die Funktionen austauschbar sind, lohnt sich der Blick auf das, was nicht austauschbar ist.

Was bleibt?

Wenn jeder seine eigene Software bauen kann, drängt sich die nächste Frage auf. Was bleibt? Aus unserer Sicht steht hinter dieser Frage ein Begriff, der unserem Projekt den Namen gegeben hat. Sovereign. Souveränität teilt sich für uns in vier Achsen.

Code-Souveränität — Wo läuft die Software? Mike OSS löst das elegant: eigener Server, eigene Hand, keine Anbieterbindung. Claude Cowork läuft auf der Plattform von Anthropic.

Modell-Souveränität — Wo läuft das Sprachmodell, der eigentliche Motor? Mike OSS hängt an OpenAI, Anthropic oder Google. Wer es einsetzt, braucht mehr als eine Schnittstelle. Er braucht ein Modell, das für Berufsgeheimnisträger taugt – mit Zusatzvereinbarungen, auf deutscher oder europäischer Infrastruktur.

Hier wird die Luft dünn. Azure und AWS auf deutschen Servern unterliegen dem Cloud Act. Er gibt der US-Regierung Zugriff auf Daten amerikanischer Unternehmen, unabhängig vom Speicherort. Selbst Mistral, der europäische Hoffnungsträger, nutzt die Infrastruktur amerikanischer Hyperscaler.

Bei Claude Cowork ist es genauso. Anthropic ist ein US-Unternehmen, die Infrastruktur läuft dort. Und es ist kein Sonderfall. So gut wie jeder Anbieter in diesem Markt setzt auf Hyperscaler aus den USA. AWS, Azure, Google. Wir kommen darauf zurück.

Wissens-Souveränität — Was kennt das Modell als Referenz? Mike OSS bringt nichts Eigenes mit. Es weiß, was OpenAI im Training einmal gesehen hat. Die etablierten Anbieter arbeiten oft mit Verlagen zusammen und binden Kommentarliteratur an. Aus unserer Sicht reichen Kommentare bei weitem nicht aus, um juristische KI in einer Kanzlei wirksam einzusetzen. Was es braucht, kommt aus der Praxis.

Workflow-Souveränität — Passt sich das Werkzeug an den Nutzer an, oder der Nutzer an das Werkzeug? Viele Anbieter setzen auf das Prinzip Plattform zuerst. Eine souveräne KI geht den umgekehrten Weg. Sie fügt sich in die Systeme ein, in denen der Nutzer ohnehin arbeitet. In der Kanzlei heißt das: Daten und Akten bleiben, wo sie immer waren.

Vier Achsen. Souveränität ist alle vier oder keine.

Die deutsche Verschärfung

Wenn ein Anwalt eine Schriftsatzkopie an einen Dienstleister gibt, ist das eine bekannte Konstellation. Druckerei, Übersetzungsbüro, Bote. § 43e BRAO regelt seit 2017, unter welchen Voraussetzungen die Einbindung mit dem Mandantengeheimnis vereinbar ist: schriftliche Verpflichtung zur Verschwiegenheit, sorgfältige Auswahl, angemessene technische und organisatorische Maßnahmen. Die Antwort auf die Frage, ob der Anwalt überhaupt Hilfe in Anspruch nehmen darf, lautet also: ja, unter Bedingungen. Die Verantwortung bleibt bei der Kanzlei.

Bei Mike OSS scheint die Sache auf den ersten Blick gelöst. Open Source. Selbst betreibbar. Keine Anbieterbindung. Eine Antwort, an der das Berufsrecht keine Reibung findet, so scheint es. Doch das Bild trügt. Der Eigenbetrieb bezieht sich auf den Code. Das Modell hängt an einer Schnittstelle zu OpenAI, Anthropic oder Google. Jede Anfrage, jedes hochgeladene Dokument verlässt das Haus. Die Akte mag auf dem eigenen Server liegen – die Antwort kommt aus Kalifornien.

Bei Claude Cowork ist es umgekehrt und doch gleich. Die Akte bleibt in iManage. Aber jede Frage an sie reist nach Kalifornien.

Hier wird die berufsrechtliche Architektur zur Belastungsprobe. § 203 StGB stellt die unbefugte Offenbarung eines anvertrauten Geheimnisses unter Strafe. § 43e BRAO erlaubt die Einbindung Dritter, verlangt aber Konditionen, die ein Cloud-Sprachmodell ohne Weiteres nicht erfüllt – und die der US-amerikanische Cloud Act je nach Standort der Daten ohnehin aushebeln kann. Wer die OpenAI-Schnittstelle hinter Mike OSS hängt, muss die Compliance selbst herstellen: Auftragsverarbeitungsvertrag, technische und organisatorische Maßnahmen, Standortklärung. Im Zweifel eine Risikoabwägung, die am Ende beim Strafrichter landen kann.

Daraus folgt eine schlichte Konsequenz. Souveränität in der juristischen KI ist keine einzelne Eigenschaft. Sie ist eine Kette. Code, Modell, Wissen, Workflow. Liegt ein Glied im Ausland, liegt die Akte im Ausland. Berufsrecht ist keine Frage von Verträgen, die man nachträglich übersetzt. Es ist eine Frage der Adresse, an die geschrieben wird.

Mike OSS löst die Frage, wo die Software läuft. Die berufsrechtliche Frage ist eine andere: wohin die Daten gehen.

Was bleibt also?

Was bleibt, wenn Funktionen austauschbar werden? Mike OSS ist weniger ein Produkt als ein Signal. Es zeigt, wohin die Entwicklung läuft. Es zeigt, was an Bedeutung gewinnt, sobald jeder dieselben Funktionen bauen kann wie ein Unternehmen mit Milliardenbewertung. Es verschiebt den Fokus der ganzen Branche.

Anthropic ist kein Signal mehr, sondern eine Strategie. Cursor wurde zu Claude Code. Figma zu Claude Design. Harvey und Legora bekommen jetzt Konkurrenz aus dem Stack, auf dem sie selbst laufen. Drei angrenzende Märkte in zwölf Monaten. Das Tempo ist beeindruckend. Es zeigt auch, dass die Frage nicht mehr ist, ob der Modellanbieter selbst in den Markt eintritt, sondern wann.

Daraus folgt eine schlichte Konsequenz für jeden, der heute in benachbarten Märkten baut. Es geht zunehmend darum, ein Geschäftsmodell zu bauen, das die großen Modellanbieter nicht reproduzieren wollen oder nicht reproduzieren können. Praxiswissen, das nicht im öffentlichen Training liegt. Infrastruktur, die nicht durch eine US-Compliance-Frage neutralisiert wird. Anbindung an die Akte vor Ort, die nicht durch eine US-Plattform durchgereicht wird.

Zwei Perspektiven, eine technische und eine berufsrechtliche, kommen zum selben Bild. Souveränität ist keine einzelne Eigenschaft. Sie ist eine Kette. Und eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.

Die nächste Phase der juristischen KI hängt nicht davon ab, was die Modelle können. Sie wird dadurch entschieden, wem sie gehören und wovon sie wissen. Das ist die richtige Frage. Sie verdient mehr als einen Beitrag.

Ein einzelner Anwalt baut in zwei Wochen nach, was Milliarden wert ist. Der Modellanbieter wird selbst zur Plattform. Wenn Funktionen austauschbar werden – was bleibt dann?