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Haltung – Wortgeschichte einer Selbstverständlichkeit

Senkrechte Betonlamellen einer Fassade
Senkrecht, nicht zufällig. Rectus – das lateinische Wort für gerade und aufrecht, aus derselben Wurzel wie Recht, aus derselben Wurzel wie Haltung. (Foto: valiantsin suprunovich/shutterstock.com)

Es gibt Wörter, die so selbstverständlich geworden sind, dass niemand mehr über sie nachdenkt. Haltung ist ein solches Wort. Ein Landwirt spricht von der artgerechten Haltung seiner Tiere, eine Orthopädin von der Haltung des Rückens, ein Journalist von der Haltung der Bundesregierung in einer Streitfrage, und in den sozialen Netzwerken wird täglich dazu aufgerufen, Haltung zu zeigen. Vier Verwendungen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, und doch kommen sie alle mit demselben Wort aus. Das ist kein Zufall und keine Nachlässigkeit der Sprache. Es ist das Ergebnis einer Geschichte von gut tausend Jahren, in der dieses Wort mehrmals seine Bedeutung erweitert, einmal beinahe seinen Ruf verloren und ihn auf überraschendem Weg zurückgewonnen hat. Wer diese Geschichte kennt, versteht besser, warum das Wort heute so oft gebraucht und so oft missverstanden wird. Und er versteht, warum es in einer Ausgabe über die Zukunft des Rechts eine tragende Rolle spielt.

Vom Hüten zum Verwahren

Die Geschichte beginnt bei einer Tätigkeit, die mit innerer Einstellung zunächst nichts zu tun hat. Das althochdeutsche Verb haltan, das seit dem achten Jahrhundert belegt ist, bedeutete ursprünglich hüten und weiden. Wer im frühen Mittelalter etwas hielt, der hütete in aller Regel Vieh. Die Sprachwissenschaft kann das gut belegen, denn auch die verwandten Sprachen zeigen dieselbe Grundbedeutung, das gotische haldan etwa heißt ebenfalls hüten und weiden. Aufschlussreich ist auch das dazugehörige Personenwort. Der mittelhochdeutsche haltære, aus dem unser heutiger Halter geworden ist, bezeichnete den Hirten und Bewahrer, und um das Jahr 1000 wurde das Wort sogar für den Erlöser verwendet, also für Christus selbst. Das mag heute kurios wirken, wo ein Halter vor allem jemand ist, auf den ein Auto zugelassen ist. Aber es zeigt, welches Gewicht die Tätigkeit des Haltens einmal hatte. Halten hieß, für etwas einzustehen, das einem anvertraut war.

Vier scheinbar unverwandte Verwendungen desselben Wortes (Tierhaltung, Rückenhaltung, Regierungshaltung, „Haltung zeigen“) sind kein sprachlicher Zufall, sondern das Ergebnis einer über 1000-jährigen Bedeutungsgeschichte.

Aus dieser Grundbedeutung des Hütens entwickelten sich nach und nach die weiteren Bedeutungen des Verbs, die wir bis heute kennen. Wer hütet, gibt acht und bewahrt. Wer bewahrt, hält fest. Und wer festhält, der hält stand und hält inne. Als im späten Mittelalter das Substantiv haltunge auftaucht, trägt es noch ganz die alte, sachliche Färbung. Es bedeutete, wie Wolfgang Pfeifers Etymologisches Wörterbuch verzeichnet, Gewahrsam, Verwahrung und Inhalt. Das Grimmsche Wörterbuch zitiert dafür eine Straßburger Chronik des vierzehnten Jahrhunderts, in der ein Priester einen Brief in seiner haltunge birgt, also in seinem Gewahrsam versteckt, und es verzeichnet sogar Reliquienbehälter, die schlicht Haltungen genannt wurden. Eine haltunge war demnach etwas, worin man aufbewahrte, was einem übergeben worden war. Von einer inneren Einstellung, von Charakter oder gar von Moral war noch lange nicht die Rede.

Wie stand es also um die Gelehrten, von denen man erwarten könnte, dass sie einem so gewichtigen Begriff seine Tiefe gegeben haben? Die antike Philosophie kannte schließlich längst ein Wort für das, was wir heute Haltung nennen. Aristoteles beschreibt in seiner Nikomachischen Ethik unter dem griechischen Begriff hexis eine durch Übung erworbene und dadurch fest gewordene Grundverfassung des Menschen, aus der heraus er handelt. Thomas von Aquin und die lateinische Tradition übersetzten diesen Begriff im dreizehnten Jahrhundert mit habitus, einem Wort, das über die Soziologie Pierre Bourdieus bis in unsere Gegenwartssprache gewandert ist. Es hätte also nahegelegen, dass ein Bibelübersetzer oder Philosoph diesen antiken Begriff eines Tages mit Haltung verdeutscht und das deutsche Wort damit geprägt hätte. Doch genau das ist nicht geschehen, und der Fall Luther zeigt es besonders schön. Luther kannte und benutzte das Wort Haltung durchaus, aber in der alten, sachlichen Bedeutung des Einhaltens und Befolgens. Er schreibt von der äußerlichen Haltung, an die die Christen nicht mehr gebunden seien, und Melanchthon spricht im Umfeld des Augsburger Bekenntnisses von der Haltung des Gesetzes, womit schlicht dessen Befolgung gemeint ist. Für die Reformatoren war die Haltung also ein Wort des Gehorsams gegenüber Geboten, kein Wort für die innere Verfassung eines Menschen. Als Luther dann an der einzigen Stelle des Neuen Testaments, an der das griechische hexis vorkommt, eine Übersetzung wählen musste, entschied er sich folgerichtig nicht für Haltung, sondern für Gewohnheit. Das deutsche Wort ist demnach kein Import aus der Gelehrsamkeit. Es ist von unten gewachsen, aus der Sprache des Stalls, des Speichers, der Amtsstube und der Kirchenordnung, und hat sich seine Bedeutungen über Jahrhunderte selbst erarbeitet. Dass ausgerechnet der Begriff, der später das Erarbeitete und Eingeübte bezeichnen sollte, selbst auf diese Weise entstanden ist, gehört zu den stillen Pointen der Sprachgeschichte.

Für ein juristisches Magazin ist an dieser Reformationsepisode noch etwas anderes bemerkenswert. Die Haltung der Gebote, die Haltung des Gesetzes, die Haltung beschehener Zusage, an der man laut einem alten Sprichwort einen Fürsten erkennen solle, all diese im Grimmschen Wörterbuch gesammelten Wendungen zeigen, dass das Wort jahrhundertelang zuallererst ein Rechtswort war. Bevor die Haltung etwas war, das man hat, war sie etwas, das man leistet, nämlich die Treue zu einer Norm oder einem gegebenen Wort. Die moderne Sprache sagt dafür Einhaltung und hat vergessen, dass die schlichte Haltung diese Arbeit einmal allein verrichtet hat.

Der Körper als Schrift des Inneren

Den entscheidenden Schritt in Richtung seiner heutigen Bedeutung machte das Wort im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, und zwar über den Körper. Beim Militär wurde die Haltung zum Kommando. Der Befehl Haltung annehmen, der bis heute strammstehen bedeutet, machte aus dem Wort eine körperliche Norm, die sich auf Zuruf herstellen ließ, und die stramme Haltung des Soldaten wurde zum sprichwörtlichen Muster. Die Wörterbücher der Zeit verzeichnen daneben die Tanzstunde, in der die Haltung gerade und ungezwungen zu sein hatte, und die Turnbewegung und Schulpädagogik des neunzehnten Jahrhunderts machten das gerade Sitzen und aufrechte Stehen vollends zum Erziehungsziel. Dahinter stand mehr als Gesundheitsfürsorge. Der aufgerichtete Körper galt als sichtbarer Ausdruck einer inneren Verfassung, und wer krumm saß, bei dem stand es, so der unausgesprochene Verdacht dieser Pädagogik, auch innerlich nicht zum Besten. Der Körper wurde zur lesbaren Schrift des Inneren, und das Wort Haltung bezeichnete fortan beides zugleich, die äußere Form und das, was sie angeblich verriet.

Genau deshalb gewinnt Haltung an Bedeutung: Sie lässt sich nicht abrufen, nur einüben. Eine Meinung kann man übernehmen, aber eine Haltung muss man ausbilden.

Wie weit dieser Gedanke reichte, zeigt eine Verwendung, die heute fast vergessen ist. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert konnte auch ein Gemälde Haltung haben. Gemeint war die stimmige Verteilung von Licht und Schatten, die ein Bild zu einem Ganzen macht, und noch Goethe schwärmt in seinen Reiseerinnerungen von Gestalt, Farbe und Haltung einer Landschaft. Ein Bild hatte Haltung, wenn seine Teile zusammenhielten. Nichts anderes meinte man bald von Menschen. Die Kaufmannssprache übertrug das Wort sogar auf die Börse, wo Waren bis heute eine feste Haltung zeigen können, wenn ihre Preise nicht nachgeben. Überall bezeichnet das Wort dieselbe Leistung, nämlich die Kunst, unter wechselnden Umständen beieinander zu bleiben.

Die innere Verwendung ist dabei älter, als man denken könnte. Schon Adolph Freiherr Knigge erklärte 1788 in seinem berühmten Buch über den Umgang mit Menschen, Haltung sei das, was die Franzosen contenance nennen, also Gleichmut und die Vermeidung leidenschaftlicher Ausbrüche, und Goethe schreibt von der gewöhnlichen ruhigen Haltung eines Mannes. Die Bedeutung der inneren Fassung, die man bewahrt oder verliert, war also bereits im bürgerlichen Zeitalter fest etabliert. Was das zwanzigste Jahrhundert hinzufügte, war etwas anderes, nämlich der Ernstfall.

Die Krise der Haltung

In der Zeit zwischen den Weltkriegen wurde aus der gepflegten Umgangsform ein Überlebensprogramm. Der Erste Weltkrieg hatte die überlieferten Ordnungen erschüttert, die bürgerliche Moral und die religiösen Bindungen hatten für viele Menschen ihre Verbindlichkeit verloren, und in dieses Vakuum hinein wurden regelrechte Lehren des richtigen Verhaltens entworfen. Der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen hat diese Zeit in seiner Studie über die Verhaltenslehren der Kälte untersucht, die 1994 erschien und in ihrem Fach als Epoche machendes Buch gilt. Lethen liest die Literatur und Philosophie der Weimarer Republik als eine Sammlung von Anleitungen zum Überleben in einer haltlos gewordenen Welt. Bei Autoren wie Ernst Jünger oder dem Philosophen Helmuth Plessner findet er das Ideal einer kühlen, distanzierten, undurchdringlichen Lebensform, einer Art Panzer aus Beherrschtheit, der den Einzelnen schützen sollte, wo Herkunft und Glaube es nicht mehr taten. Auch Bertolt Brecht griff den Begriff auf und machte ihn zu einer Grundkategorie seines Theaters. Seine Schauspieler sollten nicht Gefühle ausdrücken, sondern Haltungen vorführen, also erkennbare und veränderbare Stellungnahmen einer Figur zur Welt, die das Publikum beurteilen konnte. Das Wort stand also bereits im Zentrum der Debatten über die richtige Lebensführung, als die dunkelste Phase seiner Geschichte begann.

Der Nationalsozialismus fand den Begriff demnach vor und machte ihn sich zunutze. Die Sprache jener Jahre war durchzogen von der soldatischen Haltung, die der Einzelne zu beweisen hatte, und das Erziehungsprogramm des Regimes ordnete die Vermittlung von Wissen ausdrücklich allem anderen unter. Hitler selbst hatte die Rangfolge in seiner Programmschrift festgelegt. An erster Stelle sollte die körperliche Ertüchtigung stehen, an zweiter die Formung des Charakters zu Gehorsam, Härte und Willenskraft, und erst an letzter Stelle die wissenschaftliche Schulung, von der er wenig hielt. Was diese Erziehung anstrebte, war exakt die Verbindung, die das Wort Haltung im Jahrhundert zuvor aufgebaut hatte, nämlich die Einheit von zugerichtetem Körper und gefügig gemachtem Inneren. Bezeichnend ist dabei, dass Haltung in Cornelia Schmitz-Bernings Standardwörterbuch über das Vokabular des Nationalsozialismus keinen eigenen Eintrag hat. Das Wort war keine Erfindung des Regimes und keine Parteivokabel wie Volksgemeinschaft oder Untermensch. Es war ein gewöhnliches deutsches Wort, das die Diktatur in Dienst nahm und mit ihrem Ideal des stillstehenden, gehorchenden Menschen auflud. Verboten war das Wort nach 1945 deshalb nicht. Aber wer es benutzte, rief unweigerlich den Klang von Kaserne und Appell mit auf, und so wurde es für Jahrzehnte ein Wort, das man lieber mied.

Die Rückkehr über den aufrechten Gang

Seine Rückkehr in den positiven Sprachgebrauch lässt sich nicht auf einen einzelnen Urheber zurückführen, aber sie lässt sich an einem verwandten Bild gut beobachten. Der Philosoph Ernst Bloch stellte 1961 in seinem Buch Naturrecht und menschliche Würde den aufrechten Gang in den Mittelpunkt seines Denkens. Die Würde des Menschen zeigte sich für Bloch in seinem Vermögen, aufrecht zu gehen, sich also nicht ducken und nicht beugen zu müssen, und die Aufgabe des Rechts bestand für ihn genau darin, diesen aufrechten Gang zu schützen. In den folgenden Jahrzehnten, besonders seit den achtziger Jahren, wurde diese Denkfigur zu einer weit verbreiteten Chiffre für Zivilcourage. In der Friedensbewegung, in den Debatten der Bundesrepublik und nicht zuletzt in der Opposition der DDR sprach man vom aufrechten Gang, wenn man den Mut meinte, gegen eine Übermacht bei der eigenen Überzeugung zu bleiben. In diesem Klima konnte auch die Haltung wieder zu einem Wort werden, das man ohne Beiklang von Kaserne aussprechen konnte, allerdings mit vertauschten Vorzeichen. Hatte es in seiner beschädigten Phase das Stillstehen in Reih und Glied bezeichnet, so meinte es nun gerade das Gegenteil, nämlich das Aufstehen gegen die Reihe, wenn die Reihe Unrecht hat. Es ist dieselbe Körpermetapher, nur hat sie im Lauf eines halben Jahrhunderts die Seite gewechselt. Das kommt in der Geschichte von Wörtern selten vor und sagt etwas über die Kraft, die in diesem Bild steckt.

Was das für die Gegenwart bedeutet

Damit kann die Frage nach den Gelehrten noch einmal aufgenommen werden, denn am Ende der Geschichte begegnen sich das deutsche Wort und der antike Begriff doch noch. Wenn Übersetzer heute die Nikomachische Ethik ins Deutsche bringen, geben sie das griechische hexis unterschiedlich wieder. Manche schreiben Gewohnheit, wie es schon Luther tat, andere Zustand oder Disposition, wieder andere belassen es beim lateinischen Habitus. Durchgesetzt hat sich in der philosophischen Diskussion aber weithin das Wort Haltung, oft in der Form der festen Grundhaltung. Diese Wahl ist genauer, als sie auf den ersten Blick wirkt, und zwar aus einem Grund, der selbst wieder in der Sprache liegt. Das griechische hexis ist vom Verb echein abgeleitet, das haben und halten bedeutet. Das lateinische habitus kommt von habere, das ebenfalls haben und halten heißt. Griechen und Römer haben ihren Begriff für die eingeübte Grundverfassung des Menschen also aus genau demselben Verb gebildet, aus dem das Deutsche seine Haltung gebildet hat. Drei Sprachen, dreimal dieselbe Intuition. Eine Verfassung, aus der heraus ein Mensch verlässlich handelt, ist offenbar etwas, das man hält, und zwar so, wie man etwas Anvertrautes hält, nämlich dauerhaft und mit Mühe.

Was Aristoteles mit dem Begriff beschrieb, macht diese Intuition vollends verständlich. Eine hexis ist nicht angeboren und entsteht nicht durch Belehrung, sondern allein durch Übung, und eben deshalb hat sie Bestand. Man kann sie sich nicht kurzfristig zulegen und nicht bei Bedarf beschaffen. Genau das erzählt auch die deutsche Wortgeschichte, wenn man sie im Ganzen betrachtet. Vom Hüten über das Verwahren und das körperliche Sich-Aufrichten bis zum Standhalten gegen den Zeitgeist beschreibt jede ihrer Stationen etwas, das Zeit braucht und das niemand einem anderen abnehmen kann.

Diese Einsicht bekommt in der Gegenwart eine neue Schärfe. Wir leben in einer Zeit, in der Wissen und Formulierungskunst in einem historisch beispiellosen Maß verfügbar geworden sind. Eine künstliche Intelligenz kann in Sekunden eine Recherche liefern, ein Gutachten strukturieren oder einen Vertragsentwurf schreiben. Was sich auf diese Weise abrufen lässt, verliert als menschliche Leistung an Seltenheitswert. Umso deutlicher tritt hervor, was sich grundsätzlich nicht abrufen lässt. Eine Meinung kann man übernehmen, eine Information kann man nachschlagen, aber eine Haltung muss man ausbilden, und das dauert Jahre. Sie ist keine Information, sondern eine Übung, und deshalb ist sie der genaue Gegenbegriff zu allem, was sich delegieren lässt.

Das Berufsrecht der Anwaltschaft kennt das Wort übrigens nicht, verlangt aber die Sache, und nach allem, was diese Wortgeschichte gezeigt hat, steht es damit in einer langen Tradition. Die Gewissenhaftigkeit, auf die der Anwaltseid des Paragrafen 12a der Bundesrechtsanwaltsordnung verpflichtet, die Unabhängigkeit und die Sachlichkeit, die die Berufsordnung fordert, sind keine Kenntnisse, die man einmal erwirbt und dann besitzt. Es sind Dispositionen, die sich nur in der täglichen Ausübung beweisen und die niemand für einen anderen einnehmen kann. Die Berufsordnung setzt eine Haltung voraus, ohne das Wort zu gebrauchen. Die Haltung der Pflichten, wie das sechzehnte Jahrhundert gesagt hätte, ist in ihr stillschweigend vorausgesetzt.

Ein Wort unter Inflationsdruck

Gerade weil das Wort eine so gewichtige Geschichte trägt, muss man am Ende auch über seine gegenwärtige Verwendung sprechen, und die gibt Anlass zur Sorge. Haltung hat heute Konjunktur wie selten zuvor. In den sozialen Netzwerken lässt sich Haltung mit einem geteilten Beitrag bekunden, in den Debatten über den Journalismus ist der Vorwurf des Haltungsjournalismus zum Kampfbegriff geworden, und häufig meint, wer heute von Haltung spricht, kaum mehr als eine Meinung, die mit besonderem Nachdruck vorgetragen wird. Darin liegt eine neue Bedrohung des Begriffs, die auf ihre Weise heimtückischer ist als die alte. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde die Haltung zur Unterwerfung verbogen. Heute droht sie zur bloßen Geste zu verdunsten. In beiden Fällen geht dasselbe verloren, nämlich der Preis, der in der Geschichte des Wortes steckt. Eine Haltung, die sich in einem Augenblick bekunden lässt, hat diesen Preis nicht bezahlt. Sie hat nichts gehütet, nichts verwahrt, nichts eingeübt und nirgends standgehalten.

Wenn dieses Magazin von Haltung spricht, dann ist das ältere und langsamere Wort gemeint, dessen Geschichte hier erzählt wurde. Gemeint ist eine verlässliche Orientierung an Maßstäben, die größer sind als der eigene Vorteil und der kurzfristige Erfolg, eine Orientierung, die nicht mit einer Meinung zu verwechseln ist und die sich gerade dort zeigt, wo das bloße Handwerk nicht mehr weiterhilft.

„Aufrecht“ und „aufrichtig“ stammen aus derselben Wurzel wie Recht (idg. „gerade richten“, lat. rectus). Der Magazintitel AUFRECHT sagt damit „zweimal Recht“: als Ordnung und als die Haltung, die sie voraussetzt.

Dass die deutsche Sprache diesen Zusammenhang selbst schon hergestellt hat, ist die letzte und vielleicht schönste Pointe dieser Wortgeschichte. Die Wörter aufrecht und aufrichtig sind aus demselben Wort gebildet, das eine beschreibt die Form des Körpers, das andere die Wahrhaftigkeit eines Menschen, und dass beide zusammengehören, empfindet jeder Sprecher des Deutschen unmittelbar. Beide aber hängen ihrerseits mit dem Recht zusammen. Die alte indogermanische Wurzel, auf die das Wort Recht zurückgeht, bedeutete gerade richten, und noch das lateinische rectus heißt gerade und aufrecht. Das Recht ist also, wenn man den Wortsinn ernst nimmt, das Gerade, an dem ein Mensch sich ausrichten und aufrichten kann. Wer den Titel dieses Magazins ausspricht, sagt darum, ohne es zu merken, zweimal Recht, einmal als die Ordnung, die uns trägt, und einmal als die Haltung, die sie bei jedem Einzelnen voraussetzt. Die Sprache hat diese Verbindung vor langer Zeit gestiftet. Man muss sie nur wieder hören.

Porträt von Mirela Alimanovic
Mirela Alimanovic, seit der Eröffnung im Oktober 2025 Botschafterin im „Sovereign“ (Foto: Maxime P. Lindenbaum)