Souveränität fängt eine Schicht tiefer an
Das erste KI-Rennen um die großen Foundation Models haben die USA gewonnen. Aber Runde zwei wird dort entschieden, wo KI auf die echte Welt trifft – in Fabriken, in der Medizin, im Recht. Genau da liegt Europas Stärke. Und am Ende wird aus technischer Souveränität eine persönliche
Eine Frage aus Berlin
Anfang Juni 2026 waren wir beide in Berlin, eingeladen zum ersten Data-Unplugged-Workshop. Vielen Dank an Bianca Witte, dass wir dabei sein durften. Neben vielen interessanten Begegnungen und Beiträgen ist uns vor allem eines aufgefallen: Das Potenzial ist doch da. Europa hat das Talent, das Know-how, die Infrastruktur. Hängen wir wirklich so weit hinterher, wie ständig behauptet wird? Diese Frage hat uns den ganzen Heimweg begleitet. Hat Europa den Anschluss verloren? Oder ist das ein Narrativ, das sich nur in den Medien festgesetzt hat?
Runde zwei wird woanders entschieden
François Candelon, Theodoros Evgeniou und Thomas Ramge halten dagegen. In ihrem Beitrag für das Fortune Magazine (nachzulesen bei INSEAD Knowledge) argumentieren sie: Ja, das erste Rennen ist gelaufen. Die großen Foundation Models, trainiert auf Internetdaten, in gigantischen Rechenzentren, da haben die USA gewonnen. Aber das war nur Runde eins. Runde zwei wird woanders entschieden. Dort, wo KI auf die echte Welt trifft: in Fabriken, in der Chemie, in der Medizin, in Energie und Logistik. Und genau da liegt Europas Stärke. Ein paar Zahlen, die das Bild drehen: Auf die EU entfallen nach Zählung der Autoren 22 Prozent der weltweiten Zitationen in der KI-Forschung, auf die USA 17. Jedes Jahr verlassen laut Candelon, Evgeniou und Ramge 2,2 Millionen MINT-Absolventen europäische Universitäten, in den USA sind es 1,4 Millionen. Und Europas Industrie ist so automatisierungsbereit wie kaum eine andere westliche Industrieregion, mit 267 Industrierobotern pro 10.000 Beschäftigte in Westeuropa (Stand 2024). Und es geht nicht nur um Maschinen. Auch das Recht ist so ein Feld. Europa hat mehr als eine Million Anwältinnen und Anwälte und einen Markt für Rechtsdienstleistungen von rund 258 Milliarden Dollar (Schätzung von Mordor Intelligence), dazu Rechtsstaaten, die hochwertige, strukturierte Daten produzieren wie kaum eine außereuropäische Rechtsordnung. 61 Prozent der befragten kleineren Kanzleien in sechs europäischen Ländern arbeiten laut einer Umfrage des Legal-Tech-Anbieters Wolters Kluwer bereits mit KI. Genau die Mischung aus Fachtiefe, sauberen Daten und Rechtsstaatlichkeit, auf die es in Runde zwei ankommt.
„Verantwortung lässt sich nicht auslagern, auf keinen Server und in kein Modell. Sie bleibt beim Menschen, der entscheidet.“
Was ein Foundation Model ist
Kurz zur Einordnung, was Foundation Models überhaupt sind. Ein Foundation Model ist die unterste Schicht jedes KI-Systems (hier zahlen sich Englischkenntnisse aus: foundation heißt Fundament). Jeder Agent, jede Automatisierung, jeder Bot, der gerade gebaut wird, braucht so ein Modell als Basis. GPT von OpenAI, Claude mit Sonnet und Opus oder Mistral Medium 3.5 sind Beispiele dafür.
Eine Anweisung in Washington genügt, und die Grundlage einer Anwendung ist weg — ganz gleich, wo in Europa sie läuft.
Der Wert entsteht in der Anwendung
Und hier liegt Europas eigentliche Chance. Sie liegt in dem, was auf den Foundation Models aufbaut: in spezifischen Systemen. Eigene Infrastruktur, Agenten für den juristischen Bereich, fein abgestimmte Modelle für die Industrie. Die Foundation Models waren der Anfang. Der eigentliche Wert entsteht in der Anwendung, in unseren Branchen und auf unserem Kontinent.
Was Souveränität konkret bedeutet
Wie real die Abhängigkeit von fremder Infrastruktur ist, hat sich gerade erst gezeigt. Am 12. Juni musste Anthropic, einer der führenden amerikanischen Anbieter, seine Modelle Fable 5 und Mythos 5 von einem Tag auf den anderen für alle Kundinnen und Kunden abschalten. Hintergrund war eine Exportkontroll-Anweisung der US-Regierung, die unter Verweis auf die nationale Sicherheit jeglichen Zugriff durch Nicht-US-Bürger untersagte, weltweit. Anthropic hielt die Anweisung selbst für einen Fehler und widersprach ihr öffentlich. Nach zweieinhalb Wochen wurde sie ebenso abrupt wieder aufgehoben – seit dem 1. Juli ist der Zugang zurück, so plötzlich, wie er verschwunden war. Am Mechanismus ändert das nichts: Wer auf ein solches Modell setzt, kann über Nacht den Zugang verlieren. Eine Anweisung in Washington genügt, und die Grundlage einer Anwendung ist weg, ganz gleich, wo in Europa sie läuft. Souveränität heißt auch, dieser Art von Risiko nicht ausgeliefert zu sein. Genau hier setzt Mistral an. Bei den europäischen Modellen ist es der Anbieter, der international auf Augenhöhe genutzt wird, und Mistral zeigt gerade, was Souveränität konkret bedeutet. Lange liefen selbst europäische Modelle auf der Infrastruktur amerikanischer Hyperscaler wie AWS oder Azure. Jetzt baut Mistral eigene Kapazität: ein Rechenzentrum bei Paris, finanziert über 830 Millionen Dollar, bestückt mit rund 14.000 Nvidia-Chips; seit diesem Sommer soll es in Betrieb sein. CEO Arthur Mensch begründet den Bau mit der wachsenden Nachfrage von „governments, enterprises and research institutions seeking to build their own customized AI environment, rather than depend on third-party cloud providers“. Wer etwas Ernsthaftes baut, will nicht auf amerikanischen Servern sitzen. Hier lohnt ein Blick auf die Eigentümerseite. Größter Anteilseigner von Mistral ist seit 2025 der niederländische Konzern ASML, ohne dessen Maschinen kein Chip an der technologischen Spitze entsteht. Europas industrielle Tiefe finanziert also die eigene KI-Infrastruktur. So könnte sie aussehen, die zweite Chance, von der die drei Autoren sprechen. Und in Deutschland? Da hostet SAP die Modelle von Mistral auf eigener, europäischer Infrastruktur – datenlokalisiert, wie der Konzern betont. SAP-Technikchef Philipp Herzig nennt das „a key milestone toward more sovereignty for the European market“. Wenn ein DAX-Konzern das Wort Souveränität in den Mund nimmt, ist das Thema in der Realwirtschaft angekommen.
Souverän ist ein Standort, wenn die, die gehen könnten, bleiben wollen.
Die Voraussetzung für Fortschritt
Modelle lassen sich trainieren. Rechenzentren lassen sich bauen. Beides ist am Ende eine Frage von Geld und Zeit. Nur eine Schicht des Stacks lässt sich nicht bestellen: die Menschen, die das alles bauen sollen. Und diese Schicht hat Beine. Sie geht. Die Zahl dazu steht in Mario Draghis Bericht für die EU-Kommission: Fast 30 Prozent der Unicorns (Start-ups, die eine Bewertung von einer Milliarde Dollar erreichen), die zwischen 2008 und 2021 in Europa gegründet wurden, haben ihren Sitz ins Ausland verlegt, die allermeisten in die USA. Was drüben daraus wird, lässt sich besichtigen. In der Zählung der National Foundation for American Policy stehen Gründerinnen und Gründer aus Großbritannien hinter 47 amerikanischen Unicorns, aus Frankreich hinter 21, aus Deutschland hinter 18. Firmen, aufgebaut von Menschen, die aus Europa stammen und ihren Wert nun woanders schaffen. Und der Sog hält an: Von den befragten europäischen Gründern, die zuletzt eine Verlagerung erwogen haben, hatten fast drei Viertel die USA im Blick. Der Grund ist kein Geheimnis. Europäisches Wagniskapital ist rund sechsmal kleiner als amerikanisches; nach zehn Jahren haben europäische Scale-ups nur halb so viel Kapital eingesammelt wie vergleichbare Firmen im Silicon Valley. Wer hier wachsen will, wächst deshalb irgendwann auf ausländischem, allen voran amerikanischem Geld: In den späten Finanzierungsrunden europäischer KI-Firmen kommt der führende Investor in fast drei Viertel der Fälle aus den USA – und das, obwohl Europa pro Kopf mehr KI-Fachkräfte hat als Amerika. „There is more demand in the U.S. today than there is in Europe“, sagt Carl Fritjofsson vom Spotify-Investor Creandum, „especially if you‘re selling towards enterprises with some kind of AI-native product“. Wie normal der Abschied geworden ist, zeigt ein Detail. Index Ventures, einer der großen europäischen Wagniskapitalgeber, führt in seinem Handbuch „Winning in the US“ ein eigenes Kapitel mit dem Titel „The Delaware Flip“: eine Anleitung, wie europäische Gründer ihre Firma unter eine amerikanische Muttergesellschaft hängen. Der Umzug hat eine Gebrauchsanweisung. Derselbe Investor hat nachgerechnet, was das kostet: Alle börsennotierten Unternehmen, die in den letzten fünfzig Jahren in Europa neu gegründet wurden, sind zusammen rund 420 Milliarden Dollar wert. Ihre amerikanischen Gegenstücke kommen auf knapp 30 Billionen, das Siebzigfache. Das Fazit von Index-Partner Jan Hammer: „Europe doesn‘t need another directive or committee. It needs its Delaware, and it needs it now“. Man kann das alles niemandem vorwerfen. Wer bauen will, geht dorthin, wo gebaut werden kann. Draghi selbst hat ein Jahr nach seinem Bericht in Brüssel gefordert, ein echtes „28. Regime“ müsse endlich Realität werden: ein einheitliches Recht, unter dem innovative Firmen in allen 27 Mitgliedstaaten arbeiten, handeln und Kapital aufnehmen können. Nicht zuletzt, um jungen Europäern eine Chance auf ihrem eigenen Kontinent zu geben: „They want to stay here, they don‘t want to go elsewhere to have success“. Sie wollen bleiben. Sie konnten nur zu oft nicht. Ausgerechnet jetzt öffnet sich ein Fenster. Im Global Talent Competitiveness Index, den die INSEAD – dieselbe Hochschule, bei der auch der Beitrag über Europas zweite Chance erschien – gemeinsam mit dem Portulans Institute herausgibt, sind die USA binnen zwei Jahren von Platz drei auf Platz neun gefallen. Der Index misst Talent-Wettbewerbsfähigkeit insgesamt, nicht nur in der KI, und sein Befund ist deutlich: Amerika verliert messbar an Kraft, Talente anzuziehen und zu befähigen. Zur gleichen Zeit arbeitet Europa an der Antwort. Mehr als 26.000 Gründer, Investoren und Startup-Mitarbeiter haben unter dem Namen „EU Inc“ genau die Rechtsform gefordert, von der Draghi sprach. Die Kommission hat geliefert: Im März hat sie das 28. Regime vorgeschlagen, eine Gesellschaftsform für alle Mitgliedstaaten, Gründung in 48 Stunden, Einigung angestrebt noch in diesem Jahr. Es wäre Europas Delaware. Es wird Zeit. Denn Runde zwei wird in der Anwendung entschieden, in unseren Fabriken, Kanzleien und Kliniken. Aber entschieden wird sie von Menschen. Und Menschen lassen sich nicht zurückholen wie ein API-Zugang. Souverän ist ein Standort, wenn die, die gehen könnten, bleiben wollen.
Eine Schicht tiefer
Und damit sind wir zurück bei der Frage, die uns aus Berlin nach Hause begleitet hat. Souveränität ist ein sehr praktisches Wort. Es geht darum, auf welchem Modell Sie bauen, auf wessen Servern Ihre Daten liegen, unter welchem Recht. Und doch ist das erst die Hälfte. Das Modell kann europäisch sein, die Daten können in Paris oder Walldorf liegen, das Recht kann unser eigenes sein. Und trotzdem wäre nichts gewonnen, wenn niemand mehr verstünde, warum eine Antwort richtig ist. Wer das Ergebnis einer Maschine übernimmt, ohne es prüfen zu können, kontrolliert vielleicht noch die Infrastruktur, aber nicht mehr die Sache selbst. Deswegen ist der letzte (und aus unserer Sicht einer der wichtigsten) Pfeiler das Talent. Weil uns all die Technologie der Welt nichts bringt, wenn sie niemand von uns versteht. Das ist der Punkt, an dem aus technischer Souveränität eine persönliche wird. Verantwortung lässt sich nicht auslagern, auf keinen Server und in kein Modell. Sie bleibt beim Menschen, der entscheidet. Souveränität in diesem Sinn ist nicht Unabhängigkeit von der Technik. Sie ist die Fähigkeit, sie zu nutzen, ohne sich ihr zu unterwerfen. Es ist auch der Grund, warum es uns gibt.

Quellen
Candelon / Evgeniou / Ramge, „Europe‘s historic second chance at leading AI‘s next wave“, Fortune / INSEAD Knowledge (dort auch die Zahlen zu KI-Zitationen und MINT-Absolventen): knowledge.insead.edu/economics-finance/europes-historic-second-chance-leading-ais-next-wave
Ebd.
„Robot density surges in Europe, Asia and the Americas“, International Federation of Robotics (IFR): ifr.org/ifr-press-releases/news/robot-density-surges-in-europe-asia-and-americas
„Who we are“, Council of Bars and Law Societies of Europe (CCBE): ccbe.eu/about/who-we-are/
„Europe Legal Services Market“, Mordor Intelligence: mordorintelligence.com/industry-reports/europe-legal-services-market
„Legal AI adoption growth in small law firms in Europe“, Wolters Kluwer: wolterskluwer.com/en-gb/expert-insights/legal-ai-adoption-growth-small-law-firms-europe
„Fable & Mythos access“, Anthropic: anthropic.com/news/fable-mythos-access; zur Aufhebung: „Anthropic says Trump admin has lifted export controls on Claude Fable 5 and Mythos 5“, CNBC, 30.06.2026: cnbc.com/2026/06/30/anthropic-says-trump-admin-has-lifted-export-controls-on-claude-fable-5-and-mythos-5.html
Ebd.
„French AI firm Mistral borrows 830 million to build Paris data center“, Le Monde, 30.03.2026: lemonde.fr/en/france/article/2026/03/30/french-ai-firm-mistral-borrows-830-million-to-build-paris-data-center67519567.html; Mensch-Zitat nach: „Mistral AI raises $830M in debt to set up a data center near Paris“, TechCrunch, 30.03.2026: techcrunch.com/2026/03/30/mistral-ai-raises-830m-in-debt-to-set-up-a-data-center-near-paris/
Ebd.
„AI firm Mistral valued at 14 billion as ASML takes major stake“, CNBC, 09.09.2025: cnbc.com/2025/09/09/ai-firm-mistral-valued-at-14-billion-as-asml-takes-major-stake.html
„SAP“ (Customer Story), Mistral: mistral.ai/customers/sap/
Draghi, „The Future of European Competitiveness“ (Part A), Europäische Kommission, September 2024, S. 7 und 29 f.: commission.europa.eu/topics/eu-competitiveness/draghi-report_en
Anderson, „Immigrants and U.S. Billion-Dollar Companies“, National Foundation for American Policy, Juni 2026, Tab. 6: nfap.com
„State of European Tech 2025“, Atomico, November 2025: stateofeuropeantech.com
„The Scale-up Gap“, Europäische Investitionsbank, Juli 2024: eib.org/en/publications/20240130-the-scale-up-gap
„The AI boom is pulling Europe‘s hottest startups to the U.S.“, Fortune, 18.05.2026 (Quelle des Fritjofsson-Zitats und der Investorenzahl): fortune.com/2026/05/18/ai-boom-creandum-lovable-klarna-startups-trump-carl-fritjofsson-europe/
Ebd.
„The Delaware Flip“, Kapitel im Handbuch „Winning in the US“, Index Ventures: indexventures.com/winning-in-the-us/the-delaware-flip
Hammer, „Why Europe needs a Delaware“, Fortune, 18.10.2025: fortune.com/2025/10/18/index-ventures-partner-europe-inc-needs-a-delaware-startups-single-market/
Draghi, Rede „One Year On“, Brüssel, 16.09.2025: geopolitique.eu/en/2025/09/16/mario-draghi-in-brussels-one-year-on/
Evans / Monteiro / Escalona Reynoso, „The World‘s Most Talent Competitive Countries, 2025“ (GTCI, INSEAD / Portulans Institute), INSEAD Knowledge, 26.11.2025: knowledge.insead.edu/strategy/worlds-most-talent-competitive-countries-2025
EU-Inc-Initiative („One Europe. One Standard.“): eu-inc.org
„Towards a 28th regime for EU companies (EU Inc.)“, COM(2026) 320, Europäische Kommission, 18.03.2026: eur-lex.europa.eu